Die Grauen in Louisas Landschaft

  Hier kommt das zwölfte Kapitel des Remote Viewing-Romans! 
 Was bisher geschah, können Sie im Archiv nachlesen.
Jetzt strebt es dem Höhepunkt zu.

wie üblich wollen wir nichts vorher verraten.

 

12. Kapitel: Aus der Wüste

Aus der Ferne kam etwas heran. Es bewegte sich unregelmäßig, unrund, stolpernd. Stolpernd! Das war genau das Wort, wonach sie gesucht hatte. Bald konnte sie sehen, dass es eine menschliche Gestalt war, die auf sie zu humpelte. Die Nebel verwehten und sie erkannte ihn. Es war Robert.


Aber es war nicht der Robert, dessen Bild sie im Herzen trug. Sie erschrak. Die Wangen waren zutiefst eingefallen, die Haut eine dünne papierne Schicht, die sich knapp über die Knochen spannte, die Augen lagen tief und dunkel in kantigen Höhlen.
Und er blutete! Es rann aus vielen Wunden, an der Stirn, von Armen und Beinen, hinter zerfetzter Kleidung hervor. Zwei oder drei Meter vor ihr blieb er stehen und sah sie müde an. Er sagte kein Wort; ohnehin hatte sie den Eindruck, dass er sich nur mit letzter Kraft aufrecht hielt. Überall am Körper erkannte sie jetzt Blessuren, Schnitte, Abschürfungen, blaue Flecken und andere Verletzungen. Kein Zweifel, sie hatten ihn gefoltert!
Immer wenn sie geglaubt hatte, etwas nicht mehr aushalten zu können, steigerte sich der Schrecken. Und sie blieb bei Bewusstsein. Das war zutiefst ungerecht. Sie wollte vorwärts stürmen, ihn in den Arm nehmen, trösten, irgendetwas tun, was ihm gut tun könnte. Aber sie blieb weiterhin vollständig gelähmt. Sie konnte nicht einmal die Augen schließen. Und keine gnädige Ohnmacht befreite sie aus der Situation.
Aber je länger sie Robert ansah, alle seine Verletzungen, seine Müdigkeit und Hoffnungslosigkeit in sich aufnahm, desto weniger konnte sie sich damit abfinden. Gewiss, sie bemerkte wohl, wie die Ausweglosigkeit des Geschehens sie vollständig einzunehmen drohte. Doch irgendwo, ganz leise, in einem versteckten Winkel, den ihr noch niemand hatte nehmen können, erklang eine schwache Stimme.
„Nein!“, sagte die Stimme. Lisa?
„Es ist Absicht“, kam es wieder. „Du sollst mitleiden, dich aufgeben! Es ist nichts weiter als eine Projektion!“
„Warum? Wie kommst du dazu?“
„Hat er etwas gesagt?“
„Nein, nichts.“
„Fühle hinein, lebt er?“
Lou überwand sich. Sie versuchte, die Gestalt mit ihren Gedanken zu berühren. Sie hatte schreckliche Angst vor der Berührung, aber da war – nichts.
„Siehst du.“
„Aber, es könnte sein, dass …“
„Könnte, ja. Es könnte ihm auch wirklich passieren. Sie könnten ihn töten. Oder Schlimmeres …“
„Nein!“ Lou nahm erstaunt diese Entscheidung wahr. Kam sie von ihr, oder von … Auf jeden Fall stand die Antwort plötzlich im Raum. Sie sah große, flammende Buchstaben, die sich erhoben und sie umringten. Aber nicht, um sie selbst zu verbrennen, denn die Flammen breiteten sich aus, von ihr weg.
„Ja!“
Genau so war es richtig. Sie fühlte, wie etwas stärker wurde, erst ein schwaches Gefühl, dann eine Kraft. Empörung. Entrüstung. Zorn. Erbitterte Wut. Rache.
Die Flammen loderten heller. Höher. Heißer. Sie fraßen sich gierig auf etwas zu, das Lou nicht mehr anschauen wollte. Verbrenne sie! Das war das Einzige, das sie dachte, als es gelb, rot und weiß um die Gestalt mit den riesigen dunklen Augen emporzüngelte. Verbrennen sollst du! Brennen!
Überraschung klang ihr entgegen. Erstaunen. Verwunderung. Bestürzung. Fassungslosigkeit. Das durfte nicht sein, das hatte es nie gegeben!
„Doch!“ Lou war eine wilde Furie. Sie wuchs. Sie fühlte, wie die Kraft ständig in ihr zunahm. Es war unwichtig, woher sie kam. Wichtig war, dass es brannte. Unlöschbar alles verschlang, was sich ihr in den Weg stellte. Alle die Gestalten, die versucht hatten, sie zu quälen, ihr das Leben zu entreißen, alles zu vernichten, was sie liebte.
Oh, ja! Wunderbar, wie alles weggefegt wurde vom Sturm ihrer Emotionen! So war es gut! Ja! Und mehr, mehr, mehr!
Plötzlich hatte sie das Gefühl, draußen zu sein. Nicht mehr innerhalb ihrer Landschaft. Irgendwo außerhalb. Sie zögerte.
Weiter!
War das ihr eigenes Gefühl gewesen? Gewiss, sie wollte ihre Peiniger vernichten. Was gab es da zu überlegen? Ja! Noch einmal warf sie alles hinein, um die Flammen zu schüren. Schreie waren die Antwort. Dünne, leise Schreie, Stimmchen wie von Kindern. Von Kindern?
„Ein Trick! Ein schmutziger Trick! Sie sind keine Kinder!“ Das war eindeutig nicht sie selbst. Lisa?
„Vernichte SIE!“
Ja, es stimmte. SIE sollten vernichtet werden. SIE waren das Grauen. Die Grauen. SIE waren die Todfeinde, unnachsichtig, gefühllos, böse.
Aber sie schrien wie Kinder.
Vielleicht waren sie wie Kinder. Vielleicht war ihnen in der langen Zeit ihrer galaktischen Entwicklung etwas abhanden gekommen, das sie einmal zu Menschen gemacht hatte? Etwas, das auch Kinder noch hatten, aber im Laufe des Lebens entwickeln konnten? Um lieben zu können, andere, das Leben und letztlich auch sich selbst. War es Mitleid, das dafür nötig war? Mitgefühl? Die innere Spiegelung eines anderen Menschen? Das Teilhaben am Netz der Gemeinschaft? Aber SIE konnten doch alles? Sie konnten in die innere Welt eines jeden Geschöpfes einbrechen, wie sie nur wollten. Aber es reflektierte ihnen nichts. Sie konnten daraus nichts entnehmen. Keine eigenen Emotionen entwickeln.
Es war alles nur …
Jetzt wusste es Lou. Genau das war ihr Problem. SIE würden nie Erfolg haben. Die vielen genetischen Experimente, es war alles sinnlos. SIE hatten den falschen Weg beschritten und SIE hatten es nicht bemerkt. Nein, schlimmer noch, SIE würden es nicht mehr begreifen, selbst wenn man es ihnen erzählte. SIE konnten kein Lebewesen, das ihnen begegnete, emotional nachempfinden. Kinder lernten so etwas, aber Kinder hatten auch die Veranlagung dafür. Man konnte es ihnen beibringen. Sie waren bereit dazu. Es gab ein Programm in ihren kleinen Köpfen, das dazu angelegt war, die dazu gehörenden Daten zu erkennen und abzuspeichern. Ein anderes Wesen nicht als Ding zu betrachten, sondern mitempfinden zu können, was es bewegte, gleichgültig, ob Mensch oder Tier.
Und dieses Programm fehlte den GRAUEN. Es war IHNEN abhanden gekommen. SIE hatten ihre eigene Entwicklung zu gezielt vorangetrieben, zu sehr auf Perfektion und Ergebnis ausgerichtet. SIE hatten das Chaos verbannen wollen, aber das Chaos war es, das das Universum antrieb. So war es. Lou sah es klar vor sich und ihre Kraft erlahmte.
Von irgendwo her klang es zwar noch: „Drauf! Verbrenne sie bis zum letzten ihrer Art! Sie haben es verdient!“
Aber sie konnte nicht mehr. Vielleicht war es richtig, diese Spezies auszurotten. Aber das war nicht ihre Aufgabe. SIE würden es selbst tun. SIE waren zu – faustisch für dieses Universum, zu verbissen nach absolutem Wissen strebend. SIE hielten sich für die GROSSEN … wollten die absolute Perfektion für sich erreichen. In der Tat, die Verlockung der Macht hatte SIE geblendet. Das war IHR Leiden, und SIE erkannten es nicht. Und das verdammte SIE zum Aussterben. SIE waren wie Kinder, tatsächlich, aber ohne das entscheidende Programm. Und gegen Kinder konnte Lou nicht mehr vorgehen. Die Flammen erloschen. Das Donnern ihrer Wut verebbte.
Lou stand allein in ihrer Landschaft. Es war alles so kahl. Alles zerstört, leblos, verkarstet. Vielleicht hätte sie doch …
„Nein. Es ist gut so.“
War es ihre eigene Stimme? Hatte sie sich selbst die Frage beantwortet? Oder war es – Lisa?
„Geduld!“, sagte jemand neben ihr. Eine Gestalt in einem weißen Kleid klopfte sich den Staub aus dem Gewebe. Lou versuchte, sie zu erkennen. Lisa?
„Nein, Ich bin Tsing’g!“, sagte die Gestalt und jetzt wurde sie klarer in ihrer Präsenz. „Wir hätten sie beinahe geschlagen.“„Wie? Wen?“ Lou war noch
immer nicht ganz in der Lage, die Situation zu begreifen.
„Nun, die GROSSEN!“ Mit einigen energischen Handbewegungen versuchte Tsing’g, auch den Saum ihres Kleides zu reinigen. „Es war die Chance für uns. Nie hätte ich gedacht, dass wir einmal so weit kommen würden. Viel hätte nicht gefehlt, und wir hätten sie vernichtet. Sie waren völlig überrascht Ich weiß nicht, ob wir noch einmal diese Chance bekommen.“
„Wir?“ Lou hatte sich selten so einsam gefühlt. Und war sie es nicht die ganze Zeit gewesen?
„Wer ist WIR?“
„Nun, alle Anwesenden und die, die ich so schnell organisieren konnte. Es war nicht leicht, wir haben gerade Ruheperiode. Nacht, würdet ihr auf Kring sagen. Hier ist es aber nur eine Verabredung, um eine gewisse Ordnung zu erhalten. Aber es gibt immer eine größere Zahl von Leuten, die gerade wach sind.“
Lou stand mit hängenden Schultern in der Wüste ihrer eigenen Landschaft. Aber inmitten der Zerstörung brauchte sie eine Rechtfertigung.
„Die Grauen sind ohnehin zum Untergang verurteilt. Es ist mir eben klar geworden. Aber sie wissen es nicht.“
Tsing’g streifte ihr Kleid glatt.
„Oh doch, sie wissen es. Aber sie wollen es nicht wahrhaben. Sie versuchen es mit Simulationen dessen, was Gefühle bewirken. Wie sagt ihr auf Kring? Man kann sich nicht waschen, ohne nass zu werden. Ich kann dir sagen, wo es hinführt. Sie werden noch ein paar Jahrhunderte lang Lebewesen missbrauchen und verstümmeln. Ich hasse sie wie nichts sonst auf der Welt.“
„Aber ich konnte es einfach nicht weiterführen.“
„Ich weiß. Wir müssen mit der Situation leben. Es wird weitergehen.“ Sie machte eine kurze Pause und fügte hinzu: „Hoffe ich jedenfalls.“
Lou schwieg. Sie weigerte sich, Stellung zu beziehen. Robert hatte sie befreien wollen, Robert, der einfach nur entführt worden war. Sonst nichts. In einen Bürgerkrieg auf dem Mond hineingezogen zu werden, stand nie auf ihrem Plan. Nun aber befand sie sich mitten drin und schenkte den kämpfenden Parteien auch noch ein Schlachtfeld in ihrer eigenen inneren Landschaft. Die Folgen waren schon jetzt klar zu erkennen. Zwischen diesen Mächten würde sie zerrieben werden, das war ihr klar.
„Auf der anderen Seite“, erklärte Tsing’g, „möchten wir dir natürlich auch helfen. Wir bedauern sehr, dass du für diese Auseinandersetzung herhalten musstest. In gewisser Hinsicht war es unvermeidlich. Aber wir sind trotzdem verpflichtet, zu tun, was wir können.“
Lou lauschte ihr nach, sie fühlte sich aber so leer, dass sie keine Reaktion mehr in sich finden konnte. Und sie war allein.
„Das ist das erste, was getan werden muss!“, erwiderte Tsing’g. Sie drehte sich zur Seite und schritt davon. Lou blickte ihr nach, dann erinnerte sie sich. An der Klippe, die in ihr Meer hineinragte …
„Lisa!“
Tsing’g verhielt an der Stelle, wo ein schmutziges Bündel ehemals weißen Stoffes lag. Irgendetwas ragte daraus hervor, dunkle Büschel, etwas Hartes, Astartiges, schmutzverkrustet. War das …?
Lou hatte gedacht, dass sie sich bereits am Ende des Erträglichen befand, aber so lange sie sich am Leben fühlte, schien es immer noch etwas Schlimmeres zu geben, das sie zu erleiden in der Lage war. Dies jedoch, so fühlte sie, konnte der letzte Absturz sein.
Lisa war …
„Nein!“ Tsing’g klang sehr entschlossen. „Wir haben Erfahrung damit. Sie ist nur gestreift worden. Sie war unwichtig, deshalb …“
Sie schwieg, setzte sich stattdessen neben dieses jämmerliche Bündel und streckte die Hände aus.
Lou wandte sich ab. Sie wollte nicht zusehen. Eigentlich wollte sie überhaupt nichts mehr sehen. Wie schön musste es sein, nicht mehr zu existieren. Dann bekam man auch keine Sinnesreize mehr. Ob man sich bewusst abschalten konnte? Aber bevor sie es probieren konnte, meldete sich Tsing’g wieder.
„Sie ist nicht tot. Sie benötigt nur etwas Energie. Und die hast du auch nicht mehr.“
Das stimmt, dachte Lou.
Das Gestell ihrer Gartenbank hatte plötzlich den dunklen, rostig-verbrannten Farbton verloren. Frisch gestrichene weiße Latten lagen darüber. Sie sah auf ihre Füße hinunter. Barfuß stand sie auf dem nackten Sand. Und direkt vor ihren Zehen wuchs eine kleine, zartgrüne Pflanze.
„Gib mir ein paar Augenblicke. Setzt dich auf die Bank und entspanne dich. Es wird alles gut. Ich muss nur etwas Hilfe anfordern.“
Lou bezweifelte es. Aber hinsetzen, ja, das war nicht schlecht. Dann musste sie nicht mehr stehen und das Gleichgewicht halten. Sie schritt zur Bank und ließ sich nieder.
„Sie sind Energievampire. Der Zustand in dir hier ist das Ergebnis. Und sie benutzen deine Energie dazu. Sie saugen dich aus.“
Warum ließ Tsing’g sie noch immer nicht in Ruhe?
„Und wie konnten wir uns gegen sie wehren?“, fragte sie zurück. „Haben wir sie umgebracht mit dieser letzten Aktion?“
„Nun, wir haben sie mit einer Überdosis versehen. Sie haben zu schnell zu viel bekommen. Sozusagen ertränkt, überladen, ausgebrannt. Das hat sie aus ihren Körpern gejagt. Jetzt können sie woanders mit mehr Entwicklungsmöglichkeiten reinkarnieren. Das ist nämlich genau ihr Problem. Es inkarniert niemand mehr bei ihnen. Aber das wollen sie nicht wahrhaben, weil sie sagen, in einem komplexen Gehirn muss eine Seele sein können. Ja gut, aber wenn sie nicht will? Wer will schon einer von den Grauen sein?“
Lou schloss die Augen. Konnte Tsing’g nicht aufhören, ihr immer neue Erschütterungen zuzufügen? Wie sollte sie alles das verkraften? Sie musste nachdenken, ordnen, sortieren, abwägen, um eine Position zu beziehen und sich dadurch selbst wiederzufinden. Aber es gab keine Atempause. Nicht nur, dass die Ereignisse sie beinahe umgebracht hatten, jetzt war Tsing’g auch noch dabei, ihr Weltbild bis auf den letzten Stein zu demontieren. Konnte man es auf diese Weise vertreten, intelligentes Leben absichtlich zu töten? Sie hatte es auf der Erde anders gelernt und sich immer gut damit gefühlt. Wie weit konnte man den begriff Notwehr dehnen?
„Es ist Krieg!“, erklärte Tsing’g. „Und jetzt muss ich mich um Lisa kümmern.“
Krieg! Lou fühlte Widerstand in sich. Wenn die Menschen es sich hatten einfach machen wollen, wurde immer dieses Wort ausgepackt. Und es bedeutete immer wieder, dass davon auch alle betroffen wurden, die nichts mit einem zugrunde gelegten Streit zu tun hatten und einfach nur leben wollten. Ihr Pech war lediglich, in einen bestimmten Staat hineingeboren worden zu sein. Inkarniert zu sein. Als ob man sich das aussuchen konnte, als wer man geboren wurde! Oder was meinte Tsing’g mit ihren Worten sonst? Lou verspürte immer großen Widerwillen, wenn ihr jemand religiöse Inhalte und Begründungen antragen wollte. Sie hatte geglaubt, dass eine weiter entwickelte Zivilisation – und das waren die Aliens doch, wenn sie die ganze Galaxis bereisen konnten – auch eine weiter entwickelte gesellschaftliche Anschauung haben mussten, in der Religion keinen Platz haben konnte. Denn längst sollte man Glauben durch Wissen ersetzt haben. Enttäuschung machte sich in ihr breit. Da war offenbar nicht viel passiert. Trotz der gewaltigen technischen Entwicklung waren sie noch immer verstrickt in Glaubenssätzen und bogen sich die Wirklichkeit zurecht, wie es ihnen passte! Wenn das die Zukunft war, der auch die Menschen auf der Erde zustrebten … Lou merkte, wie ihre Gedanken im Kreis liefen und schließlich verstummten. Zeit floss an ihr vorbei. Sie betrachtete den Strom flüssiger Ereignisse und fühlte sich davon ausgeschlossen. Ja, sie war draußen. Dort drin, da wimmelten sie herum, liebten und schlugen um sich. Glück, Leid, Schicksal, alles wälzte sich in einer wirbelnden Flut an ihr vorbei. Es ließ sie völlig unberührt. Sie musste sich auch nicht beteiligen. Ja, es war wunderbar, so zu stehen und nur zuzuschauen. Und selbst das war nicht nötig. Sie konnte es auch einfach sein lassen.
„Lou?“
Sie musste nicht antworten. Alles war so still. Wie ärgerlich, dass sie gestört wurde. Und wie wundervoll war dieses Ruhe!
„Lou!“
Niemand nannte sie Lou. Ausgenommen ihr Vater und Lisa. Aber ihr Vater war lange tot und Lisa … auch. Man sollte sie in Ruhe lassen. Besonders mit so etwas. Es war so schön, draußen zu sein. Sie wollte nicht wieder in diese Beziehungen eintauchen.
„Lou, nein, komm zurück! Sieh mich an!“
Sehen? Sie war sich nicht sicher, ob sie hier Augen hatte. Und wenn, warum sollte sie sehen? Es gab keinen Grund für eine derart unsinnige Tätigkeit.
Dennoch hob sie ihren Blick. Oder was immer es war, das sie hier tat. Vor ihr stand eine weiße Gestalt. Oder eine Gestalt in einem weißen Kleid. Irgendwie erschien ihr diese Sichtweise besser. Das Bild wurde langsam scharf.
Ja, ein weißes Kleid. Zerknittert, schmutzig. Wie über den Boden geschleift.
„Lisa?“
„Ja.“
Alles richtete sich. Alles war wieder in Ordnung. Oder wenigstens fast. Sie konnte es klar erkennen. Das Kleid war plötzlich kaum noch geknittert. Die Flecken verschwanden. Der Garten war ein wenig grün. Und bald ein wenig grüner. Und dann noch mehr. Es war nicht etwa so, als ob Pflanzen wuchsen. Sie erschienen einfach. Langsam, aber deutlich und wunderbar anzusehen.
Sie blühten sogar.
Lou sah sich staunend um, und überall, wo sie hinschaute, wuchs und lebte ihre Landschaft wieder.
„Wollen wir ein wenig herumgehen?“ Das war Tsing’g. Lou hatte sie fast vergessen.
„Wie?“, fragte sie.
„Es ist deine Landschaft. Man kann darin spazieren gehen. Habt ihr es nie getan?“
„Oh, doch.“ Lou überlegte. „Dort hinten müsste ein Urwald sein und hier …“ Sie zeigte auf einen sorgfältig mit verschiedenfarbigen Steinen ausgelegten Weg. „Hier geht es zu einem Muster, das merkwürdige Eigenschaften hat. Es existiert noch nicht lange.“
„Und dort?“
Lou war ratlos.
„Keine Ahnung. Normalerweise laufen wir hier nicht viel herum. Vielleicht nach unten, zu den Klippen, das Meer anschauen. Sich in der Weite verlieren. Träumen.“
„Nun“, schlug Tsing’g vor, „dann können wir ja einmal schauen, was sich in dieser Richtung verbirgt.“ Und sie lief auch schon los.
Lou folgte ihr zögernd. Auch Lisa setzte sich in Bewegung, holte Lou ein und als sie dicht genug waren, verschmolz ihre Silhouette zu einem gemeinsamen Umriss. Lou schauderte leicht, als sie fühlte, wie sie wieder komplett wurde, wie zusammengehörendes sich wieder vereinigte. Das Gefühl des Vertrautseins überschwemmte sie kurz wie eine warme Dusche.
Tsing’g schob sich durch ein paar mannshohe Büsche. Eine Blumenwiese erstreckte sich vor ihnen. Hohes Gras und bunte Blumen, blau, rot und gelb, und mitten drin stand ein Zaun. Es war keine hässliche Begrenzung, eher wie ein einfaches Holzgatter, eine Art symbolisches Signal für den Wanderer, dass sich hier etwas änderte, was immer es sein mochte. Und an diesem Zaun stand eine Frau in einem hellen Sommerkleid.
Louisa betrachtete sie voller Staunen.
„Karen! Wie schön, dich zu treffen! Aber: Was tust du hier?“
Und zu Tsing’g: „Was bedeutet das? Können jetzt alle meine Landschaft betreten? Ich meine, ich … aber es ist doch mein Garten, er existiert nur in meiner Vorstellung! Wie kann ein anderer …“
Tsing’g lächelte. Es sah wieder genau so entrückt und mitleidig aus, wie Louisa es schon viele Male ertragen hatte.
„Ich dachte, es freut dich. Es ist sehr hilfreich, wenn wieder ein Angriff kommt. Wir können dann gemeinsam verteidigen.“
Louisa wusste nichts darauf zu entgegnen.
Tsing’g ging weiter. Sie hielt sich rechts, und Louisa folgte ihr mit den Blicken. Es war sehr merkwürdig. Erst dort, wo das Alienmädchen vorbeikam, schien sich die Landschaft zu gestalten, als ob sie vorher nur in einer nebulösen Erwartung verharrt hatte. Und dann erschien der andere Zaun. Luftige, schmiedeeiserne Elemente reihten sich aneinander. Fast schien es, als ob sie ohne Verbindung nebeneinander schwebten, ohne Klammern, Schrauben oder sonstige gegenseitige Befestigung.
Tsing’g öffnete ein niedriges Tor, das sich ebenfalls gerade erst gebildet zu haben schien.
„Hier bin ich zu Hause.“
Sie machte ein weitausholende Bewegung hinter sich und Louisa meinte für einen Moment einen großen, komplex gestalteten Park zu sehen, mit verschlungenen Hecken und Wegen, als ob sie ein Labyrinth bildeten. In der Ferne dämmerte ein vieltürmiges Schloss im warmen Dunst des Sommertages.
Im nächsten Moment war sich Louisa nicht mehr sicher, was sie gesehen hatte.
„Du kannst es wieder aufheben, wenn du möchtest, aber für den Augenblick ist es sicherer, wenn wir miteinander verbunden bleiben. Du kannst mich jederzeit rufen.“
Louisa überlegte. Es war schön, aber es war ihr auch wieder nicht recht. Man hätte sie wenigstens fragen können!
„Und – was hättest du gesagt?“, griff Tsing’g ihren Gedanken auf.
Louisa schüttelte den Kopf, als hoffte sie, dass nun alles an seinen Platz fallen würde und die falschen Überlegungen über Bord gehen.
Aber Tsing’g setzte nach.
„Es wird Zeit, dass wir deinen Freund befreien!“