Methode und Theorie

Ideogramm ist nicht gleich Ideogramm

Jeder kennt es. Die einen lieben es (so wie wir), die anderen finden es furchtbar langweilig und möchten am liebsten schnellstmöglich in Stufe 2. Die Rede ist vom Ideogramm. Es soll sogar Viewer geben, die komplett auf ein Ideogramm verzichten und in ihre Remote Viewing Session direkt mit Stufe 2 einsteigen. Unserer Meinung nach bringen sie sich damit um die Faszination und die Eleganz eines Werkzeugs, dessen Stellenwert man kaum unterschätzen kann. Ganz abgesehen davon, dass sie in die Session ohne Umschaltung zwischen linker und rechter Hemisphäre einsteigen (man lese hierzu die Ausführungen von Manfred Jelinski zu seinen Forschungen mit Günter Haffelder). Die Bedeutung dieses Umschaltens kann man tatsächlich aber nur erahnen, wenn man mal den direkten und harten Sessioneinstieg versucht hat.

Was unserer Ansicht nach ebenfalls unterschätzt wird: das Ideogramm kann auch in späteren Stufen ein wertvolles Tool zur Datengewinnung sein. Eine Bewegungsübung beispielsweise muss ja nicht nur dann genutzt werden, wenn unklar ist, wo der Viewer gerade steckt. Mit Bewegungsübungen lassen sich immer weitere Details aufdecken, die zuvor vom Viewer archetypisch und abstrakt beschrieben, oder vielleicht auch noch gar nicht genannt wurden. Richtig angewandt kann mit dem Ideogramm jederzeit in der Session auf neue Details eingegangen werden (und mit etwas Training muss eine Bewegungsübung auch kein zeitraubendes Unterfangen sein).

Dieser Artikel soll aber nicht über Sinn und Unsinn des Ideogramms referieren (eine Frage, die sich uns persönlich nicht stellt), sondern auf die Art des Ideogramms eingehen. Denn Ideogramm ist nicht gleich Ideogramm.

Typ 1 - Der Krakel

Name, Datum, Uhrzeit, evtl. Frontloading, Koordinaten und los! Man zeichnet einfach drauf los und schon ist etwas zu Papier gebracht, das wie ein willkürlicher Krakel aussieht. Man teilt den Krakel in Abschnitte ein und arbeitet diese ab: erst Form, dann Eindrücke, und schließlich (rein links-hemisphärisch) der Archetyp. Die Besonderheit dieses Ideogramm-Typs besteht in der Beliebigkeit der Form des Ideogramms bzw. der Archetypen. Man zeichnet einfach drauf los, und der Archetyp „Wasser“ ist mal eine wellige Linie, mal eine runde Schleife. Vielleicht beinhaltet ein Ideogrammabschnitt aber auch Eindrücke aus verschiedenen Bereichen des Targets. Wie auch immer: Die Eindrücke machen den Unterschied. Und auf die kommt es ja schließlich an.

Typ 2 - Das archetypenbasierte Ideogramm

Wie wäre es denn, wenn der Archetyp „Wasser“ ebenso wie jeder andere Archetyp immer die gleiche Form im Ideogramm hätte? Beispielsweise könnte eine wellige Linie immer für Archetyp „Wasser“ stehen, und eine Schleife könnte immer für „Lebewesen“ stehen. Das lässt sich durchaus eintrainieren, doch gilt es hierbei immer genau hineinzufühlen: ist die Schleife irgendwie weich, ist es der Archetyp „Lebewesen“; ist die Schleife allerdings hart, handelt es sich um Archetyp „Objekt“; fühlt es sich luftig und frei an, dann ist es der Archetyp „Raum“. Das sind jedenfalls Timos Archetypen, und diese sind bekanntlich individuell. Man merke aber: der Archetyp ist sowohl von der Form als auch vom Gefühl (Motion and Feel) des Ideogrammabschnitts abhängig.

Gegenüberstellung

Die wichtigste Nachricht vorweg: beide Varianten funktionieren und es gibt hier kein richtig und kein falsch, auch wenn beide Arten von Ideogrammen in der Viewer-Gemeinde diskutiert werden.

Typ 1 hat den entscheidenden Vorteil, dass er ohne Archetypen-Training auskommt. Er funktioniert auf Anhieb und wie wir in unseren Ausbildungslehrgängen sehen: unsere Trainees beherrschen diese Art von Ideogramm bereits am ersten Tag. Und wo wir dabei sind: nicht nur die RV Akademie vertritt diesen Ansatz. Auch Paul Smith lehrt(e) wohl diese Art von Ideogramm. Lyn Buchanan vergleicht diesen Typ mit „automatischem Schreiben“ und sieht es als ein und dasselbe an; ein Vergleich, der sich uns nicht ganz erschließt, wohl auch weil uns die Erfahrung im automatischen Schreiben fehlt.

Typ 2 dagegen erfordert deutlich mehr Arbeit als Typ 1, da der Viewer erst mal die Archetypen lernen muss. Wir möchten beim Archetypentraining zwei Herangehensweisen unterscheiden: Einen Top-Down Ansatz, und dementsprechend einen Bottom-Up-Ansatz. Die Worte „Top“ und „Bottom“ sind hier wörtlich auf das Bewusstsein zu beziehen:

  • Beim Bottom-Up-Ansatz schaut man, welche Archetypen aus dem Unbewusstsein nach oben kommen. Daher stellt man bei diesem Ansatz seine Ideogrammabschnitte (und die dazu gehörigen Eindrücke) dem Feedback von Trainingstargets gegenüber. So bekommt man eine Idee, welcher Linienzug welchen Archetyp repräsentiert.
  • Beim Top-Down-Ansatz trainiert der Viewer dann bestimmte Linienzüge, die er für seine Archetypen (Dank des Bottom-Up-Ansatzes) identifiziert hat. Ein Trainingspartner (oder ein entsprechendes Software-Tool wie der „Archetypentrainer“ der RV Akademie) nennt dem Viewer ein Archetyp, und der Viewer zeichnet daraufhin schnellstmöglich den Linienzug. Geschwindigkeit spielt hier eine entscheidende Rolle, denn letztlich soll der Viewer dorthin kommen, dass er den Linienzug ohne aktives Nachdenken hinzeichnen kann, sobald er den Archetypen genannt bekommt. Er lernt den Archetyp so lange, bis er im Unbewussten angekommen ist.

Beide Ansätze wirken also optimalerweise zusammen am effektivsten. Der Nachteil dieses Typs von Ideogrammen ist eben der größere Trainingsaufwand. Und da sich Archetypen stetig verändern, anpassen und ausdifferenzieren, ist das Training im Prinzip nie abgeschlossen. Ein weiterer Nachteil: Durch Archetypen legt man sich früh in der Session fest, welche Aspekte im Target vorhanden sind. Tritt mal ein neuer Archetyp auf (die sich ja, wie erwähnt, sowieso ändern), führt das auch mal zu Fehlern. Auf lange Sicht aber gewinnt man (Achtung, das muss man sich auf der Zunge zergehen lassen!) eine Zeichensprache, in der das Unbewusste mit dem Wachbewusstsein kommuniziert! Ein Umstand, der uns buchstäblich jeden Tag aufs Neue fasziniert! Außerdem: Archetypen sind (genügend initiales Training vorausgesetzt) auf lange Sicht präziser. Ein Beispiel aus eigener Erfahrung: anhand des Linienzugs lässt sich direkt erkennen, ob sich im Target ein Lebewesen befindet, welches Geschlecht es hat, ob es statisch ist oder sich bewegt, und ob es etwas Künstliches an oder um sich hat (wobei das alles sein kann, vom Fahrzeug bis zum Sturmtruppenkostüm, wie wir selbst erfahren durften).

Verfechter von Typ 2 Ideogrammen sind unter anderem Lyn Buchanan, und auch Ingo Swanns Methode basierte darauf.

Bleibt abschließend zu sagen: Es möge jeder Viewer seinen Weg des Ideogramms finden. Wir halten es aber für wichtig, dass ein Viewer sich beider Wege bewusst ist, weshalb wir zwar Typ 1 lehren, Typ 2 aber in Block 2 und Block 3 der Ausbildung behandeln. Letztlich aber bleibt es eine individuelle Entscheidung und ein „richtig“ oder „falsch“ gibt es hier nicht.  

Marie Priebusch, Timo Féret