Forschung und Praxis

Der „Nein“-Sager oder: der innere Diktator
von Frank Köstler

Wohin führt es, jahrelang Remote Viewing zu betreiben? Werde ich irre?“ Als ich damit vor Jahren anfing, hatte ich auch etwas Angst, vielleicht „abzudrehen“. Dass man, wie auf einem Drogentrip, nicht mehr in der wahren Welt Fuß fasst. Nun ja, es mag wie ein Drogentrip sein. Die von allen als wahr gehaltene Welt verschwindet so stückchenweise und entpuppt eine größere Welt sozusagen. Man verlässt eben dieses „Glaubens-Sinnes-System“ ein Stück weit. Irre fühlt man sich hingegen nicht, im Gegenteil. Allerdings gibt es auch eine Menge Menschen, die auf Drogen genau das behaupten: eine größere Wirklichkeit erlebt zu haben, ihre Sinne klarer zu fühlen, mehr, intensiver wahrzunehmen…aber ich glaube, die Offenheit für die Wirklichkeit ist einfach etwas größer geworden, wie ich nachfolgend kurz schildern möchte.

Wir laufen mit einer bestimmten Vorstellung durch die Welt. Wir haben gelernt, wie wir Sinnesreize aufnehmen. Wie also unsere Beziehung zur Umwelt stattfindet und definiert ist. Da sind unsere Sinneskanäle, durch die Reize an unser Gehirn gesendet werden und uns einen Eindruck der uns umgebenden Realität verschaffen sollen. Auf diese Reize können wir dann reagieren. Jetzt in aller Kürze und super vereinfacht dargestellt.

Wir wissen und sind uns sehr bewusst darüber, wie eingeschränkt unser Bild der Welt sein muss, weil wir wissen, welch enge Bandbreiten unsere Sinne ausfiltern. Wir können also nur einen sehr sehr kleinen Bereich der Welt über die Sinne auslesen und danach auch verwerten. Selbst die im Kopf anlangenden Signale werden dann noch subjektiv ausgefiltert, so dass wir auf eine „Verarbeitungs – Datenrate“ von maximal 150 Kb/s kommen. Erbärmlich.

Aber „Stop“: Sind wir uns denn tatsächlich so sehr „bewusst“ darüber, wie ich das oben schrieb? Das ist exemplarisch, auch für mich beim Abfassen dieser kurzen Gedanken hier, dass im Schreibfluss da schon wieder stehen zu sehen. Wie das so automatisch hier auf die Seite gelangen wollte, obwohl ich den Artikel ja damit beginnen möchte, dass genau das nicht passiert: Bewusstheit. Wir sind uns im Gegenteil und bei der Masse der Geschehnisse im Alltag eben nicht bewusst darüber, wie eingeschränkt unser Weltbild ist. Wir glauben im Gegenteil ständig unseren Sinnen! Wir halten ständig für „wahr“ was wir sinnenbasiert aus der Umwelt auslesen und chiffrieren. Gut, ist jetzt nicht so verwunderlich, eine andere Möglichkeit haben wir ja nicht. (Oder doch? Wie „sehen“ Blinde etwas?)

Also wir glauben unseren Sinnen, von denen nur eine kleine elitäre Auswahl unsere Bewusstseins-Schranke im Hirn durchbricht und überhaupt in Reflektion mit unserer Wahrnehmung kommt. Das wäre schulwissenschaftliches Weltbild. Das bekommen wir gelehrt.

Ist das denn jetzt wenigstens so?

Leider auch nur bedingt. Sehr bedingt.

Ich kam durch Remote Viewing dahinter. Ach ja, und durch Erlebnisse natürlich. Aber die wären ohne das jahrelange Abhängen in der Matrix und die vielen RV Sessions völlig unbeachtet geblieben.

Ich schildere jetzt kurz zwei kleine Erlebnisse der letzten Tage und möchte dann deren Bedeutung diskutieren. Ich schicke es gleich voraus: es gibt keine erlösende Auflösung der Rätsel. Ich bin nicht hinter die Geheimnisse gekommen. Nicht, dass Sie enttäuscht sind.

Gerade vor 15 Minuten lag ich noch im Bett und sann über dies und jenes nach. Dann gab es dieses ganz bestimmte klare Geräusch, das mein Aktivlautsprecher des PC macht. Wir sind ja mittlerweile umgeben von 1001 Kurzmelodien. Ein fröhliches „Düdelidüüt“ hier und Dü-Dü-Düdeli-dü-hüt“ da und so fort. Der Lautsprecher macht nur kurz und knapp „düüt“. Trocken und endgültig für „Ich bin jetzt aus“.

Wenn man um 07:30 Uhr Samstag morgens aufwacht, 10 Minuten im Bett sinniert und Stille im Haus ist, mag es ja logisch sein, das hören zu können, aber es ist unmöglich.

Der PC-Lautsprecher kann nicht ausgehen. Einfach, weil er vorher an gewesen sein müsste. Es war aber niemand am PC.

„Ja, dann muss es eben etwas anderes gewesen sein“, ertappe ich mich bei einem Gedanken. „Kann ja gar nicht sein, dann hast Du Dich verhört.“ „Wer weiß, was das in Wirklichkeit war.“

Bullshit!

Ich habe dieses Geräusch bestimmt schon zehntausendmal gehört und nie verwechselt. Und wenn es „düüt“ macht, wie es so einzigartig klingt, dann ist das die Box.

Ich lebe zwar inmitten eines familiären Organismus, wo ich ständig zum Beispiel einen Fuß bedacht vor den anderen setzen muss, weil man sonst ein Spielzeug kaputt tritt oder der Hund im Weg liegt oder wer einen Sitzsack in einen Wegebereich gestellt hat und tausend Dinge mehr. Ich will damit sagen: „Ich weiß nicht alles hier in der Familie“ (das ist auch gut so). Ich lebe inmitten eines Systems mit wirklich vielen – nett gesagt – Variablen, die durch andere eingebracht werden. Das ist – nebenbei erwähnt – nicht einfach für einen Mann, der gerne in seinen gewohnten und geordneten Bahnen lebt, wenn er schon immer abgefahrene Gedanken hat. Aber vielleicht ist das auch Training, die Bodenhaftung nicht zu verlieren. Egal. Was ich sagen möchte ist: Es gibt hier natürlich viele unkontrollierte Variablen, die möglicherweise „meinen Film, des sich abschaltenden Lautsprechers“ vortäuschen könnten. Zum Beispiel könnte meine Tochter morgens schon am PC sitzen. Das wäre zwar ungewöhnlich, ja einmalig, aber möglich. Und ich hätte nebenan im Raum dann einen Gedankenfilm eines sich spukhafterweise von selbst abschaltenden Lautsprechers, während sie den gerade ausgeschaltet hat. Möglich. Ich hätte dann zwar ihre Schritte gehört und wahrscheinlich einige Geräusche mehr, aber gut.

Viele Menschen würden nun Samstag morgens liegen bleiben, „kann nicht sein“ oder „egal“ denken und sich umdrehen, um noch eine Mütze Schlaf zu bekommen. Ich vielleicht auch, aber nicht heute morgen.

Ich bin aufgestanden und ins Büro gegangen. Und natürlich – natürlich – war alles ausgeschaltet und vollkommen ruhig. Ja, wie ich so auf Tastatur, Monitor und Box auf dem Schreibtisch schaue, schien diese leise und unschuldig „Iss was?“ zu flüstern.

Was machte da „Düüt“? Ich – Achtung Wortwahl – hätte geschworen, es sei der Lautsprecher gewesen. Die Wortwahl ist wichtig, weil Sie und ich gerade in einem Experiment drinnen sind. Ich tippe hier sehr gegenwärtig dieses Erlebnis herunter und achte parallel auf meine Worte, während Sie sozusagen live bezeugen können, wie unser Gehirn arbeitet und uns eine Welt vormacht. Ich löse diese etwas kryptischen Sätze so schnell wie möglich auf und möchte nur ein zweites Beispiel von letzter Woche schildern, was etwas eindringlicher ist und ebenfalls hieri m Büro spielt.

Ich sitze an genau diesem Schreibtisch wie jetzt und habe mir eine Tasse Kaffee geholt. Na vielleicht zwei Minuten – ich blicke auf den Monitor – höre ich links seitlich von mir, wie sich jene Kaffeetasse bewegt. Es ist ihr typisches Schlurfen. Porzellan auf einer Holzoberfläche. Ich denke, mich tritt ein Gaul, das kann ja nicht sein und schaue nach links herunter.

Erst dann trat mich der Gaul wirklich. Der Kaffee schwappte in der Tasse umher. Ich saß wie versteinert und glotzte auf die Tasse.

Ja, was will man machen. Ich habe dann weiter gearbeitet.

Ein paar Tage danach unterwandern dann zaghaft Gedanken wie: „War bestimmt eine Sinnnestäuschung.“ „Wahrscheinlich habe ich irgendwie die Tischplatte in Bewegung versetzt.“ „Vielleicht bin ich unbemerkt mit dem Unterarm drangekommen.“ „Vielleicht hat der Kaffee noch in der Tasse geschwappt, weil ich ihn ja zwei Minuten davor erst hingestellt hatte.“

So etwas und ähnlicher Scheiss.

Und wenn man sich den nicht bewusst macht, dann gewinnt er die Oberhand zurück und erklärt die Welt. So wie ein Politbüro vielleicht. Alles wird passend gemacht. Es gibt nicht, was es nicht geben darf. Ist ja logisch. Der ganze Rest muss ja dann Täuschung sein.

Und exakt jetzt sind wir am Punkt angekommen: Wir haben eben nicht nur eine sinnenbasierende Welt, die wir dekodieren, wie wir das in der Schule erzählt bekommen. Nicht nur eine Kilobyte-Begrenzung im Kopf, sondern vielmehr noch eine Art Diktator, eine hauseigene interne Zensurstelle, die genau bestimmt, was wahr ist  und was nicht und was es gibt und was nicht. Vielleicht, weil wir sonst überfordert sind?

Ist das nicht total krass? So ein „Nein-Sager“ im Kopf. „Nein, das gibt es nicht.“ „Nein, das kann nicht sein!“ „Nein, Du musst Dich getäuscht haben.“

Schauen Sie sich den Text noch einmal an, wie selbst beim fließenden Schreiben eines gewollt sich kritisch mit diesen Vorkommnissen auseinandersetzenden Textes immer wieder automatisch Worte hereinfließen, die alles relativieren oder erklären wollen. Das ist selbst für mich hier gespenstisch, denn es war keineswegs geplant!

Deshalb sprach ich im weiteren Verlauf des Textes auch von einem Experiment, an dem Sie dabei sein können.

Da war das „bewusst“ ganz vorne: „Wir sind uns sehr bewusst, wie eingeschränkt unsere Welt ist.“

Ja totaler Humbug. Völlig verkehrte Wortwahl. Wir meinen vielleicht zu wissen, wie eingeschränkt unsere Welt ist, aber wir sind uns gerade dieses Zustandes nicht bewusst!

Dann später: „Ich hätte geschworen, es sei der Lautsprecher gewesen!“

Ich kann mich hier wirklich nur kopfschüttelnd wundern. Während ich schreibe, verneine ich vor mir selbst bereits insgeheim, es sei das Geräusch des Lautsprechers. Dann schreibe ich es automatisch in der Vergangenheitsform: „gewesen“. Abgehaktes Thema. Schon mal halb erklärt. Der war es schonmal nicht. Weiter: „Ich hätte geschworen….“. Das transportiert in der Wortwahl bereits die Täuschung und damit das gefällte Urteil: Deine Sinne haben Dich betrogen!
Kennen Sie das:
„Jungs, wie man sich doch täuschen kann, ich hätte geschworen, der Ball ist im Tor (aber er war nur am Außennetz).“

Ich gehe soweit zu sagen, das größte Hemmnis zwischen uns und der Welt ist nicht die sinnenbasierte Wahrnehmung, auch nicht deren qualitative und quantitative Begrenzung (kb/s), sondern die „Nachbearbeitung“ und Zensur im Kopf.

Achtung, jetzt wird es etwas gespenstisch und wieder geheimnisvoll:

Es muss also eine mentale Blaupause, eine innere Landschaft, ein mentales Gesetzeswerk geben, woran alles immer gemessen wird. Immer? Nein, normalerweise. Bei Remote Viewing, Kartenlegen, Träumen und vielen PSI Effekten mehr, wird sie umgangen und kann erst im nach hinein zensieren. Und wenn ich nun zu Ihnen sage: „Prima, dann schreiben Sie doch mal auf, wie Ihre persönliche innere Landschaft aussieht, dann wird es mindestens schwer, alles aufzuschreiben.

Wichtig ist, fest zu halten: Wir glauben nicht, was geschieht oder was wir sehen, sondern was in uns gedanklich kongruent ist. Wir glauben also, was wir denken. Wir bestätigen uns nur das aus der Welt heraus, was wir ohnehin bereits als wahr klassifiziert haben. Eine ganz fatale Situation.

Im Alltag nennt man das: „Die Katze beißt sich in den Schwanz!“

In der Mathematik ist es ein Zirkelschluss.

Wir drehen uns im Kreis.

Jetzt mal ehrlich: Was soll bei so einer Sinnenverhaftung plus „Inhouse-Diktator“ noch herauskommen?

In der Zeit der Aufklärung hat man das Heil deshalb in der Logik und dem rationellen Denken gesucht. Wenn wir sinnenbasiert „betrogen“ werden, können wir über rationales Denken Erkenntnis der Welt erlangen. Wir kennen das Ergebnis: So wertvoll Rationalität und Vernunft einerseits sind, haben diese uns andererseits gerade in der westlichen Welt in eine weitere Sackgasse navigiert. Dies wäre ein Extra-Aufsatz.

Ich finde schon sehr geheimnisvoll, dass wir meinen, innerhalb einer äußeren Welt Reize zu entschlüsseln und danach eine Welt beschreiben, obwohl es genau anders herum ist: Im Kopf findet ein Anpassungsprozess statt. Die Eindrücke werden zurechtgekloppt und so lange beschnitten, aussortiert oder „zensiert“, bis sie passen. Dann – erst dann – werden diese bedacht und als „Welt“ und „Weltbild“ zugelassen. Da hilft uns auch die Wissenschaft mit ihrer Beweisführung, Wiederholbarkeit und Rationalität nicht heraus – im Gegenteil!

Ich bin hier beim Schreiben wirklich nicht mehr sicher, wie viele unbewusste Prozesse unbemerkt und ständig in mir ablaufen und mir nur eine normale Welt vortäuschen. Was ich nicht bemerke, reflektiere, bewusst mache, kann mich täglich total irreführen. Wie wird man noch achtsamer? Wie kann man sein Bewusstsein noch weiter öffnen, um mehr der „echten“ Umwelt zu erfahren? Was kann ich tun, um das Mensch-Sinnen-Gefängnis weiter aufzubrechen?

Auch über Remote Viewing haben wir da nur einen kleinsten Teil geöffnet. Ich selbst glaube, über ganz andere abgefahrene lichtere Welten zum Beispiel schreiben zu können, würde man sich immer weiter aufmachen können. Dieses Kaffeetassenbeispiel oder das Tönen der Box sind klassische „Überschwapper“. Da klopft eine andere Welt im Alltag an. Man ist schon ein Stückchen offen für Anderwelten, deshalb fällt es auf, deshalb ist der Zensor im Kopf nicht mehr ganz so dominant, nicht mehr ganz so bestimmend.

Ich glaube auch, Gegenwärtigkeit und Achtsamkeit sind Schlüssel. Beobachten, was man denkt. Hinterfragen, was man selbst schreibt. Nicht alles glauben, was man denkt. Ob es nun logisch ist oder nicht. Sich neben sich selbst stellen und beobachten. Immer wieder. Wie in einer Session.

Das alles erinnert uns natürlich sehr an Remote Viewing Sessions. Wo wir genau das tun: Gedanken beobachten und klassifizieren. Dort findet der exakt gleiche Prozess statt, wie hier im Artikel beschrieben: Wir sondern erkannte „Vernunft-Gedanken“ aus. Restriktionen unseres Ratio. Dort nennen wir es „Aol“. Im Alltag filtern wir es normalerweise eben nicht aus, wie dieser kleine Artikel hier schildern möchte.

Und wenn ich jetzt noch ein letztes Mal von der Remoite Viewing Session auf den Alltag rückfolgere, weiß ich: So, wie in einer Session hinter einem „Aol“ ganze Bedeutungsebenen, ja Welten liegen können, genau so ist das auch in unserem Alltag, wenn wir „hinter“ die Kaffeetasse oder das „Dü-üt“ des Lautsprechers schauen.

Man kann es in meinen neuen Buch „Kulissenriss“ nachlesen. Dort habe ich dem Thema unserer Gedankenlandschaft und der Innenwelten raumgreifend Platz gegeben.