Kolumne

Im Dschungel der Geheimdienste

Wir sind PSI-Spione
Manfred Jelinski

Ed Dames neues Buch „Tell me what you see“ ist nun in deutsch erschienen („Ich war PSI-Spion“) und wird einige Verwirrung stiften. Über die durchaus spannend geschriebene Darstellung hinaus hinterlässt es den Leser in erheblicher Verunsicherung.
Man kennt Ed Dames, den angeblich „bekanntesten Remote Viewer der US-Army“ als „Dr. Doom“, als Verkünder des Weltunterganges 1997, 1998, 2000 und 2012 durch jeweils unterschiedliche Ursachen, als „harten Hund“, Major der US-Army, sowie als Verbreiter jener Hellsehtechnik, die der Erfinder Ingo Swann schon 1971 „Remote Viewing“ nannte. Als ob dies nicht genug sei, entbietet sich der Autor nun als traumatisiertes, sensibles Kind, von einem vergewaltigenden Vater täglich schlimm verprügelt, der nach einer Rabaukenzeit in der Schule endlich in der Armee Berufung und Bedeutung fand. Das Wohl der Amerikaner, seine „Mission“ geht ihm über alles. Er ist nationalistisch bis ins Mark. Hierzulande würde man ihn rechts von der CSU einordnen und sich so seine Gedanken machen. Aber in USA ist diese Einstellung wohlgelitten. Da ist er ein ehrenhafter american boy.
Trotzdem gibt sich Dames als Revolutionär, er möchte den Bürokraten und Skeptikern eins auswischen und vor allem entführte Kinder und gefangene (amerikanische) Soldaten aus misslichen Situationen retten.
Für beides bringt er Beispiele, in denen es nicht klappt, mit Gründen, die wir auch gut kennen: mangelnde Kooperation von staatlichen Institutionen. Behörden, ungläubige Polizei, Skeptiker. Kennen wir auch. Aber wäre es nicht besser gewesen, er hätte erfolgreich ausgehende „Fälle“ geschildert, die es ja auch gibt?
Je länger man liest, desto mehr glaubt man ihn zu verstehen.

Es musste alles so geschehen, denn er hat alle wichtigen Projekte geleitet, er weiß über alles Bescheid. Nach seinem Einstieg in die Einheit arbeitete er sich zum leitenden Offizier hoch und nahm auch alles sehr persönlich. Ganz allein mit der Verantwortung, nur unterstützt von ein paar anderen guten american boys (natürlich auch Soldaten) und ein paar girls (leider Zivilisten) kämpfte er gegen die russischen PSI-Agenten; alle seine Ergebnisse hatten 100%, er war der Beste und hatte immer alles unter Kontrolle. Und so nahm er auch alles persönlich, wenn seine richtigen Ergebnisse nicht benutzt wurden.
Er war es auch, der die Methode an die Öffentlichkeit brachte und handelte sich dafür eine Menge Kritik und Feindschaft seiner geliebten Army und seiner Vorgesetzten ein. Deshalb schied er auch verbittert aus der Armee aus und verbreitete die Methode nun auf wirtschaftlicher Grundlage: Geheimnisse für jedermann käuflich.
Die letzteren Informationen stimmen sogar. Er war es, der Remote Viewing nach Deutschland brachte. Leider sind die Deutschen aber sehr kritisch und als die ersten Weltuntergänge nicht eintrafen, war der Lack an seiner Reputation doch etwas ab.
Aber da gab es auch noch seine Kollegen in der PSI-Einheit, die längst alle ihre eigenen Bücher publiziert hatten, in denen die Geschehnisse ganz anders und etwas weniger egozentriert daherkamen. Bei ihnen leitete Ed Dames nicht die Einheit in Fort Meade, sondern er war dort ein Auswerter und inhaltlicher Überwacher.
Dames aber fühlt sich als der unermüdliche weiße Ritter, immer im Gefecht mit dem Dunklen und Bösen, er wollte und will die Menschheit retten und weiß, was Menschen bewegt: Angst vor der Zukunft. Der „Killshot“. Das Ersterben der Erde in einer Sonneneruption und der Atomkrieg mit Nordkorea und dem Iran sind seine Hauptthemen. Deshalb schickt er noch immer Massenmails in die Welt hinaus: Lernt Remote Viewing, bevor es zu spät ist! – Ist er nun Aufklärungsmessias oder Abzocker?
Auch sein bestellter Autor, der wortgewandte Moderator der Coast to coast AM-Sendung Harry Newman kann die Verunsicherung nicht beheben, die vielen Unstimmigkeiten, Details, die anderswo anders stehen. Jedes Kapitel spielt unangesagt in einer anderen Zeit als das vorhergehende, früher oder später, das findet man meist erst nach einer Weile heraus. Auf der einen Seite bricht Dames eine Lanze für die reine, wissenschaftliche Methode, nach der der Viewer nicht weiß, woran er arbeitet, damit keine Phantasie aufkommt. Auf der anderen Seite schildert er seine größten Erfolge mit Viewern so, als seinen sie medial und vorinformiert unterwegs gewesen, obwohl er immer behauptet, gegen Frontloading und „Hexen“ zu sein.
In diesem Wirrwarr gibt es jedoch auch Aspekte, die so wahr wie von den hiesigen Remote Viewern nachvollziehbar sind: alle können Remote Viewing lernen. Das ist nicht mehr zu verkennen. Wir sind alle PSI-Spione. Und was man mit der Methode leisten kann, stimmt auch. Aber das nimmt der Leser in der allgemeinen Ambivalenz vielleicht nicht mehr wahr.
Nun ja, das alles ist menschlich, und vielleicht ist ja der Überheld Major (ret.) Ed Dames schließlich auch nur das, was wir alle sind: ein Mensch. Ein Mensch, der auch mal gern im Rampenlicht steht und sich nach Anerkennung sehnt. Und Deutschland leider auf Schweinebraten mit Sauerkraut und Oktoberfest reduziert.