Kolumne

Die esoterische Medienwelt und die Realität
von Marco Kuntzsch

Um den Stress beim Studium zu bewältigen, nahm ich irgendwann an einem Kurs über Autogenes Training an der VHS teil. Die tolle Entspannung und die geänderte Wahrnehmung während der Übungen gefielen mir so gut, dass sie eine Art Bewusstseinstrip auslösten. In Folge dessen fing ich an, einige Magazine zu lesen, die man esoterisch nennen könnte. Zunächst war das sehr spannend, da mir deren Inhalte noch nicht bekannt waren. Liest man jedoch lange genug in solchen „Eso-Magazinen“ mit, stellt man fest, dass sich die ganze Szene anscheinend im Kreis dreht. Vieles wird kaum verändert wiederholt, was vor Jahren noch neu erschien. Es kommen immer nur Derivate derselben alten Leier, die zu etwas neuem aufgebauscht werden. Seit einiger Zeit jedoch bemerke ich eine noch deutlichere Abnahme der Qualität der Beiträge.
Somit schwächt sich das Interesse an diesem Nachrichtenbereich deutlich ab, je mehr man dazu liest. Hat man darüber hinaus den Vorteil, Remote Viewer zu sein und kann die jeweiligen Ereignisse beispielsweise zum 2012-Kontext selbst in Sessions anpeilen, kommt man schon zu einer sehr kritischen Einstellung. Wenn die Welt 2012 unterginge, dürfte man die Entwicklung des DAX im Jahr 2013 gar nicht mehr viewen können. Gleiches gilt, wenn wir „aufsteigen“ und uns der weltliche Mammon 2013, 2015 oder 2025 nicht mehr interessieren würde. Jedenfalls wird in solchen Magazinen manchmal ungefiltert auch der nachweislich haltloseste Mist abgedruckt. Anscheinend will man noch an Gewinnen mitnehmen was man kann, wenn die esoterische Spekulationsblase namens „2012“ platzt.


Überhaupt scheint es nur ums Geld zu gehen. Da veröffentlicht man medizinische Artikel, in denen der eine behauptet, dass dies oder das ein Wundermittel sei. Der nächste Artikel sagt plötzlich, dass dasselbe Mittel das tödlichste Gift sei. Das ist nicht nur unglaubwürdig. sondern ggf. sogar lebensgefährlich für Leute, die daran glauben und so eine ernsthafte Behandlung ablehnen im Vertrauen auf die angepriesenen Mittelchen.
Zudem habe ich festgestellt, dass alle alternativen Medien eins mit den Mainstream-Medien gemeinsam haben. Sie machen Panik, schüren Angst vor der Zukunft und streuen Zweifel. Dies ist notwendig, um den Menschen glauben zu machen, dass diese Informationen lebenswichtig sind und man daher unbedingt weiter dieses Magazin konsumieren muss. In diesem Punkt decken sich klassische und alternative Medien unabhängig vom Wahrheitsgehalt der jeweiligen Informationen.
Weiterhin bin ich zu dem Schluss gekommen, dass die esoterische Szene, so sehr sie sich auch von der christlichen Kirche distanziert, auf denselben psychologischen Fundamenten ruht. Zwar sind alle Symbole, Ideologien und der Sprachgebrauch ausgetauscht worden, aber das zugrunde liegende Muster ist dasselbe. Die moderne esoterische Lehre verhält sich zur katholischen wie der rot lackierte Faschismus in der Frühzeit der DDR zum braunen Original – andere Flagge, andere Ideologie, aber dasselbe Funktionsprinzip.
Der Vorteil der esoterischen Strömung ist, dass sie die alten Denkmuster, die in religiösen Zeiten erworben wurden und derer sich unsere Gesellschaft bis heute nicht vollständig entledigen konnte, auf diese Weise im neuen Gewand weiter existieren lässt. Die klassischen Religionen haben ein Glaubwürdigkeitsproblem! Die heutigen wissenschaftlichen Ergebnisse lassen keinen Zweifel daran, dass die Erde älter ist als es die einschlägigen Schriften der drei großen monotheistischen Religionen zulassen. Seit Juri Gagarin´s Flug in den Orbit ist auch klar, dass Gott nicht im Himmel wohnt. Nun wird im esoterischen Fall „Gott im Himmel“ durch „Geistwesen“ in einer anderen, im Gegensatz zum Himmel noch unerreichbaren Dimension ersetzt. Weiterhin mausert sich das jüngste Gericht nun in Form der 2012 Prophezeiungen, so ist der Mensch nicht mehr Krone der Schöpfung, sondern ein „mächtiges Geistwesen“ auf Selbsterfahrungstrip unter Inkaufnahme gewisser fleischlicher Einschränkungen. Da Gottes Wille ideologiebedingt als Sündenbock ausfällt, haben wir nun unser Schicksal „selbst gewählt“ und „wollen“ das ganze Grauen auf dieser Welt „erleben“ als wäre es eine Fahrt in der Geisterbahn.
Die Funktion des Glaubens an ein Leben nach dem Tod, sowie an eine sicher eintretende Erlösung in mittelbarer Zukunft ist die der psychischen Stressminderung des Gehirns beim Gedanken an den eigenen Tod oder in der Situation des Verlustes eines geliebten Menschen. Weiterhin gibt der Erlösungsglaube der derzeitigen miserablen Situation des jeweiligen Individuums Stabilität, da dieses passiv auf die Erlösung warten kann und nicht stressbelastet selbst die eigene Erlösung durch Änderung der realen Umstände herbeiführen muss. Man wartet einfach, bis die Erlösung auf einen zu kommt und tröstet sich solange mit der Vorfreude bei maximaler eigener Passivität. Glauben ist schlichtweg die bequemste und stressfreieste Art, der Überforderung durch die Welt zu begegnen. Eben das leistet die neue „Eso-Religion“ indem sie glaubhafte neue Inhalte, Symbole und Fetische liefert, die exakt in die Lücken passen, die das Versagen der alten Religionen geschlagen hat. Das ist Trittbrettfahrerei par excellence.
Man täuscht sich selbst vor, aktiv zu sein, indem man meint, seinen eigenen „Bewusstseinswandel“ voran zu treiben. Dies ist nichts als eine billige Ersatzhandlung, wie sie auch in allen Religionen üblich ist. Mehr noch, man kann den Begriff des Bewusstseins nicht einmal klar definieren und ist sich völlig unklar darüber, dass das menschliche Bewusstsein ein unzulängliches, extrem fehlerbehaftetes Instrument ist. Es fällt bei jedem größeren Schmerz körperlicher oder auch emotionaler Natur aus und täuscht dann hinterher sogar noch über diesen Umstand hinweg, da es sich nicht einmal seiner eigenen Ausfallzeit „bewusst“ ist. Die in diese Ausfallzeit interpolierten „Wahrnehmungen“ werden auf Basis der Eindrücke vor dem Verlust bzw. nach dem Wiedererlangen des Bewusstseins auf Grundlage des gesamten Erfahrungssatzes des Individuums vom Bewusstsein konstruiert. Vergleichbar ist dies mit der Situation, dass man den Zuruf von jemand aufgrund von Störgeräuschen nicht verstanden hat und dann in die Wortfetzen einen Sinn hinein interpretiert. Nichts anderes macht das Bewusstsein nach einem vorübergehenden Ausfall. Diese „Wahrnehmungen“ nennt man dann gern Träume oder gar außerkörperliche Erfahrungen. Ich empfehle zu diesem Thema die Lektüre von Julien Jaynes „Der Ursprung des Bewusstseins“.
Es ist deprimierend, zu erfahren, wie die noch so absurden „Eingaben“, Channelings oder sonstigen Prophezeiungsbemühungen zurechtgeschnitten werden, wie es gerade ins Konzept passt. Dass dabei noch absurdere Ergebnisse herauskommen, ist zwar verständlich; warum diese offensichtliche Mist aber tatsächlich geglaubt wird, nicht so sehr. Noch weniger, dass die Eso-Szene offensichtliche Widersprüche einfach ignoriert. Zudem begreifen die meisten Leute nicht, dass solcher Hoax kein harmloser Streich bzw. ein unschuldiges sich irren ist, sondern fiese Abzocke, die die individuellen charakterlichen Schwächen – Sehnsucht nach Erlösung, Befreiung vom trostlosen Alltag usw. - ausnutzt. So beteiligt Youtube Leute, deren Videos häufig geklickt werden an den Werbeeinnahmen, die wir alle an der Kasse mitbezahlen! Man muss sie nicht mal bis zu Ende sehen! Somit kann man mit minimalem Aufwand einen Hoax zusammenschneiden der z.B. einen Anschlag mit einer Atombombe bei einem internationalen Sportereignis und die Machtergreifung satanistischer Eliten mit konkretem Datum oder den Einschlag von Nibiru in der guten alten Erde prophezeit. Das klicken dann entsprechend viele Leute an und der Ersteller sahnt, dank der Ängste und Hoffnungen der Video-Klicker, richtig ab. Dabei muss nicht einmal der kleinste Funken Wahrheit dran sein. Der arme Eso glaubt es und macht die anderen reich, indem er das Video weiterverlinkt!