Die Grauen in Louisas Landschaft

Nun schon das siebente Kapitel eines Remote Viewing-Romans! 
Buchcover Was bisher geschah, können Sie im Archiv nachlesen.
Was erleben Karen und Louisa auf dem Mond? Ist es überhaupt der Mond? Wer baut dort solche Untergrundanlagen? Haben sie überhaupt eine Chance? PSI ist nicht alles!

Wie üblich wollen wir hier eigentlich nichts verraten.

Hier nun zum Frühlingsanfang das siebente Kapitel:

7. HINTER DEM TOR

 

 

 

 

 

 

Etwas wisperte in ihrer Landschaft. Louisa betrachtete die Bank, auf der sie zusammen mit Robert gesessen hatte. Niemand war zu sehen. Enttäuschung stieg in ihr auf wie die Flut an einem viel zu niedrigen Deich. Aber das Wispern war noch immer da. Wo kam es her? Sie hatte inzwischen schon zu viele Überraschungen erlebt, in einer Region, von der sie einstmals dachte, sie gehöre allein ihr. Seit sie diesen schwarzen Fleck entdeckt hatte, war nicht mehr für sie wie früher. Aber sie war auch gewarnt. Sie wusste, dass man von außen eindringen konnte, ein Umstand, an den sie sich noch lange nicht gewöhnt hatte.

Wo also kam dieses Wispern her? Sie beschloss, Gelegenheiten zu anzubieten. Büsche erschienen hinter der Bank, Bäume auf der Wiese. Mindestens das konnte sie noch frei erschaffen. Sie gab dem Wispern die Möglichkeit, sich zu verstecken. Vielleicht kam es dann näher.

Tatsächlich wurde es lauter. Hatte es nur darauf gewartet? Lou schaute sich argwöhnisch um. Von Lisa kam keine Antwort. Vielleicht suchte sie ebenfalls – auf ihre Art.

Jetzt verstand sie ein Wort.

„Gegenüber. Genau gegenüber!“

Verblüfft schaute sich Lou um. Dann sah sie hinter jeden Busch. Nichts.

„Gegenüber. Ich muss leise sein.“

„Wer bist du?“, fragte Lou, aber im selben Moment wusste sie es. Für Lisa war das selbstverständlich: „Karen!“

„Leise!“, kam der Hauch zurück. „Denke leise. Wir sind mitten drin. Vielleicht sind sie hier nicht so aufmerksam, weil sie es nicht erwarten. Aber das ist nicht sicher. Komm herüber, hier geht es weiter in die Stadt!“

„In die Stadt?“

„Eine ganze Stadt. Du wirst sehen. Komm außen herum. Aber sei still jetzt!“ Beinahe war etwas wie Panik in dem Flüstern erkennbar.

Lisa lockerte ein wenig ihre Abschirmung. Sie horchten hinaus. Dort waren ohne Zweifel viele Gedanken. Man konnte sie nicht auseinander halten. Sie konnte keinerlei Inhalte erfassen. Aber sie bemerkte, dass dort sehr unterschiedliche denkende Wesen vorhanden waren. Es schien eine breite Palette von Ausprägungen zu sein. Einige darunter waren sehr fremdartig und verursachten ekelerregende Sinnesechos.

In einer blitzartig auftretenden Panik zog Lisa die Abschirmung wieder hoch, konnte jedoch nicht verhindern, dass ein Rest von üblem Geruch wie der Rauch von verbranntem Plastik ihre Landschaft verpestete.

Hatte sie sich schon verraten? Oder war das nur eine Ausstrahlung, die dem Inhaber keinerlei Feedback lieferte? Louisa hoffte es. Auch das Wispern war verschwunden. Ein wenig trauerte sie dem verlorenen Kontakt nach, dann sagte sie sich, dass es sicher besser war, wenn sie so wenig wie möglich aus sich herausschauten. Auf der Erde waren sie mit ihren Fähigkeiten anderen überlegen gewesen. Hier hatten alle die gleichen Karten und die anderen kannten das Spiel mit Sicherheit besser.

Louisa beobachtete die Halle. Die meisten der Raumschiffe standen dunkel und leblos an ihrem Fleck. Nur an manchen war Bewegung zu erkennen. Lebewesen mit zwei Beinen liefen herum, manchmal kam ein Transportgerät angeschwebt, mit weiteren Personen oder Material. Louisa konnte nichts Genaues erkennen, denn das nächste dieser Raumschiffe, eine flache Scheibe, die etwa zwei Meter über dem Boden schwebte, war weit über hundert Meter entfernt und wurde teilweise durch andere Schiffe verdeckt.

Sie entdeckte, dass die eine Seite der Halle weniger belebt war als die andere. Sollte sie dort um den Platz herumgehen? Vielleicht war das beabsichtigt, eine Falle sozusagen? Dumme Idee! schalt sie sich selbst. Wenn diese Leute hier sie gefangen nehmen wollten, dann konnten sie es überall tun. Dass sie noch frei war, nahm sie als Beweis dafür, noch nicht entdeckt zu sein.

Sie beschloss, nicht zu schleichen. Die offenkundig heimliche Art einer Bewegung konnte sie verraten. Wenn sie aber so tat, als wäre es das Natürlichste dieser Welt, dort herumzulaufen, dann würde sie vielleicht nicht auffallen. Die Größe dieser Anlage und die Entfernungen würden ihr zusätzlich Schutz bieten.

Also erhob sie sich. Sie lief los, immer in der Hoffnung, dass ihr Schritt ausreichend entschlossen und mit diesem Ort vertraut aussah. Es war wie ein Spießrutenlauf, aber tatsächlich beachtete sie niemand. Mit jedem Schritt wurde sie ein klein wenig mutiger. Als sie ungefähr die Hälfte des Weges zurückgelegt hatte, schien es ihr, als würde sie wirklich dazu gehören. Die Aktionen an den Raumschiffen gingen routinemäßig vonstatten, was sie ungemein beruhigte. Doch dann stockte ihr erneut der Atem. Eines der Raumschiffe, das sich gar nicht so weit weg von ihr befand, stand plötzlich wieder allein da. Die Fahrzeuge hatten sich entfernt und ein Summen, das bis zu ihr hin drang, ging von dem Schiff aus. Die Oberfläche schien noch intensiver zwischen Schwarz und silbern schillernd zu oszillieren. Und dann startete es.

Louisa konnte nachher nicht mehr sagen, was sie erwartet hatte. Vielleicht ein Brausen, Heulen oder das infernalische Geräusch, das sie von den im Fernsehen übertragenen Starts eines Space-Shuttles kannte. Oder noch etwas anderes. Aber nicht das, was nun passierte.

Völlig lautlos stieg die Scheibe zur Hallendecke auf, die sich in sicherlich mehr als hundert Metern Höhe über dem Geschehen wölbte. Beinahe automatisch hatte Louisa angenommen, dass diese massiv sein müsste. Nun wartete sie auf das Verschieben eines Segmentes oder das Aufklappen einer Luke. Aber es geschah anders. Ein Teil der Decke wurde plötzlich durchsichtig. Man konnte die Sterne herein scheinen sehen. Die Flugscheibe näherte sich diesem Bereich offenkundig sehr vorsichtig, drang in ihn ein und war verschwunden. Im nächsten Augenblick verblassten die Sterne und die Halle erschien massiv überdacht wie vorher.

„Louisa …“, wisperte es wieder. Sie fuhr etwas zusammen und schickte ein kurzes Bestätigungsgefühl in Karens Richtung. Dann setzte sie ihren Marsch fort. Wegen der Größe der Halle hatte sie mit mindestens einer Stunde gerechnet, die sie bis zur gegenüber liegenden Seite benötigen würde. Nun aber sah sie, dass sie schon erheblich weiter war, als sie gedacht hatte. Wie sonderbar! Aber sie achtete nicht weiter darauf, denn es fügte sich mit einer eigenen Art von Logik in die bisherigen Geschehnisse ein.

Die Halle war kreisrund, ihre Wände bestanden aus glattem Mondgestein. Es sah aus, als hätte man diese Höhle mit einem riesigen Laser in den Kraterboden geschnitten und alle Kanten mit Glas überzogen. Vielleicht war es genau so geschehen. Louisa war völlig in diese Gedanken versunken, als sich plötzlich ein großes Loch in der Wand neben ihr auftat.

Erschrocken hielt sie inne. Ein breiter Gang öffnete sich vor ihr, mit ebenem Boden und runder, gewölbeartiger Decke. So weit sie sehen konnte, war er leer, aber die Sichtweite betrug höchstens fünfzig Meter, dann kam eine Biegung. Und, wie sie sich inzwischen sehr sicher war, das System der unterirdischen Gänge war riesig. Jeden Moment konnte hier jemand vorbeifahren. Hastig schlüpfte sie zur anderen Seite der Tunnelöffnung und lief eilig weiter. Warum hatte sie diesen Eingang nicht früher bemerkt? Gewiss, sie war angstvoll und angespannt gewesen, aber wenn sie vorausschaute, so konnte sie jetzt mehrere weitere Tunneleinmündungen sehen. Wo befand sich Karen?

„Weiter, viel weiter!“ Der Hauch eines Rufes streifte sie. Louisa lief weiter. Sie musste noch zwei Tunnelöffnungen überwinden, aber niemand schien sie zu bemerken. Allmählich wurde sie ruhiger. Sie schien zumindest nicht in akuter Gefahr zu sein. Dann sah sie Karen.

Sie stand an einem Stapel merkwürdiger Container, der mit etwas Zwischenraum zur Hallenwand abgestellt worden war. Beinahe alle Vorsicht vergessend, lief Louisa auf sie zu und schloss sie in ihre Arme.

„Ich habe sie hereintropfen lassen“, erzählte Karen. „Du musst nur aufpassen, dass kein Impuls zurück nach draußen dringt. Das ist wie bei einer Radarabwehr. Man muss die fremde Energie sozusagen aufsaugen.“

Louisa dachte an den widerlichen Geruch, den sie erfahren hatte und schüttelte sich.

„Ich habe es geübt“, versicherte ihr Karen und lächelte etwas bitter. Man kann es wieder loswerden, keine Sorge!“

Louisa schaute sich um.

„Es ist unglaublich, nicht wahr?“ Karen nickte. „Wer hätte das gedacht? Hier auf dem Mond? Es ist doch der Mond – unser Mond, meine ich?“

„Ich denke schon. Was soll es sonst sein?“

Louisa zuckte die Schultern.

„Vielleicht irgendein Mond irgendwo. Vielleicht ganz nahe, vielleicht aber auch am Ende des Universums … Wenn wir schon überhaupt so etwas erleben, müssen Entfernungen nicht unbedingt wichtig sein.“

„Ich glaube, es ist unser Mond. Das Ziel war doch Robert, nicht wahr? Ich glaube nicht, dass sie ihn weit weg gebracht haben. Wozu?“

„Wozu überhaupt?“, fragte Louisa zurück. „Warum haben sie ihn überhaupt entführt?“

Und sie merkte, wie wieder ein Gewitter an Emotionen über sie hereinbrach. Sie versuchte es abzuschütteln, aber es gelang ihr nicht. Die Welle der Verzweiflung türmte sich vor ihr auf und drohte auf sie herabzustürzen. Plötzlich fühlte sie eine Berührung.

„Louisa, wir versuchen es ja. Aber du musst dich beherrschen. So finden wir ihn nicht!“

Dankbar schaute sie zu Karen auf.

„Du hast recht“, flüsterte sie. „Ich versuche es.“

„Ja, bitte.“ Da war plötzlich eine fremde Stimme in ihr. Louisa bemerkte, dass ihre Freundin ebenfalls aufgeschreckt um sich blickte. Aber die Stimme war warm und liebevoll und schlich sich beruhigend in ihre Aufmerksamkeit.

„Bitte, seid leise. Ihr strahlt furchtbar! So werden sie euch schnell wieder einfangen!“

Sofort zog Lisa weiter den Vorhang hoch und Karen bemühte sich noch mehr um eine Abschirmung. Dennoch drang ein leises Lachen in ihre Wahrnehmung.

„Nicht schlecht. Aber auch nicht gut. Ihr habt Glück, dass im Moment hier wenig sondiert wird. Sie sind mit anderen Dingen beschäftigt!“

Louisa fragte sich, was es für Lebewesen sein mochten, die sich so einfach in ihre Landschaft einschleichen konnten.

Wieder lachte es in ihr. Aber es war sehr freundlich.

„Ich sehe aus wie ihr. Dasselbe Baumuster. Ihr werdet mich gleich sehen. In der Zwischenzeit schirme ich uns richtig ab.“

Louisa und Karen duckten sich hinter den merkwürdigen Containern, obwohl sie wussten, dass es wahrscheinlich völlig unnötig war. Sie schauten nach der Tunnelöffnung, in der Annahme, dass die Fremde hier erscheinen müsste. Aber sie täuschten sich.

„Ich bin da. Bitte dreht euch um!“, vernahmen sie eine Stimme, anscheinend physikalisch und klar, direkt hinter ihnen. Sie fuhren herum.

Es war eine Frau; dieses Gefühl hatten sie schon im Moment des ersten Kontaktes gehabt, und sie sah völlig normal aus. Für Erdverhältnisse, fügte Louisa für sich hinzu. Die Frau hatte ein blasses, ovales Gesicht mit großen, braunen Augen und einer etwas spitzen Nase. Halblange, dunkelblonde Haare fielen ohne besonders raffinierten Schnitt an den Seiten herunter. Sie trug einen ebenfalls sehr unscheinbaren Overall, dessen einziges auffälliges Merkmal der Stoff zu sein schien, aus dem er gefertigt war. Das Licht brach sich merkwürdig an den Falten. Aber der Schnitt und die Applikationen, Taschen ähnlich, hätten auch von einem Designer der Erde stammen können. Der Mond schien wenigstens hier keine größeren Überraschungen zu bieten. Vielleicht waren diese Mondleute gar nicht so sehr verschieden.

„Da täuschst du dich sehr!“, sagte die Fremde und Louisa konnte nicht mit Sicherheit sagen, ob die Stimme wirklich akustisch in ihre Wahrnehmung drang. Schon wieder hatte sie das Gefühl, nicht wirklich an diesem Ort zu sein. Manchmal meinte sie, Ihre ganze Umgebung würde verschwimmen, wenn sie gerade nicht genau hinsah.

„Ihr werdet sicher einige kennenlernen müssen, wo ihr schon einmal hier seid“, erklärte die Frau. „Ich bin Marisa. Ich arbeite an einer der Flugscheiben dort. Man könnte sagen, ich bin für die Wartung zuständig.“ Sie lächelte, als sie das Erstaunen auf den Gesichtern von Louisa und Karen erblickte. „Ja, auch solche – für euch futuristische – Flugkörper haben Schäden und Abnutzungen. Im Moment gibt es große Probleme mit der Torsionsröhre im Schwerkraftgenerator. Es muss einen verborgenen Herstellungsfehler geben, auf jeden Fall sind sie bereits nach kurzer Zeit abgenutzt. Wenn man sie nicht auswechselt, kann das Schiff von einem Moment zum anderen abstürzen. Das ist bisher selten vorgekommen, aber es war jedes Mal ein Problem. Manchmal sogar für die Erdbevölkerung.“

Karen schaute sie aufmerksam an. Dann, einem plötzlichen Impuls des Verstehens folgend, nickte sie.

„Tunguska“, sagte sie fast lautlos, „Roswell. Bar-el-Tschid.“

Marisa lächelte freudlos.

„Und einige andere, die meisten hier auf dem Mond. Einige auf dem Mars.“

Sie drehte sich zum Landefeld.

„Seht ihr das etwas größere Schiff, zwei Reihen entfernt von hier? Dorthin gehen wir, da ist es im Moment am sichersten für euch.“

Louisa folgte ihrer Beschreibung mit den Augen. Ihr Blick blieb an einem Fluggerät hängen, das ein gutes Stück größer als die anderen war, die man in der Nähe abgestellt hatte. Der Durchmesser betrug vielleicht fünfzig Meter, aber die Vergleiche waren schwierig. Es war höher, bauchiger, ähnelte fast einem Kinderkreisel und die auffälligsten Merkmale bestanden in ein paar Reihen runder Öffnungen, die Lou für sich „Bullaugen“ nannte, obwohl sie genau wusste, dass es keine sein konnten.

„Nein“, hörte sie die Stimme von Marisa, teilweise mitten in ihrem Kopf. „Das sind die Akzeleratoröffnungen. Sie leuchten oft beim Flug durch die Atmosphäre. Das liegt aber nur an bestimmten Ionisationseffekten. Für die Funktion der Fortbewegung ist dieser Effekt bedeutungslos.“ Sie lächelte wieder. „Das dazu, falls ihr schon einmal eine Beschreibung dieses Gerätes in einer eurer Zeitschriften gelesen habt.“

Sie gingen auf das Schiff zu und Louisa wunderte sich, dass niemand sie aufhielt. Überhaupt konnte man in der ganzen Halle sehr wenig Aktivität erblicken. Ob das immer so war?

„Oh nein!“, antwortete Marisa sofort. „Sie sind nur im Moment an anderer Stelle beschäftigt!“

„Wer sind SIE?“, fragte Karen irritiert. Direkt über ihnen wölbte sich rund und bauchig ein ungeheuerliches, fremdes Raumschiff.

Marisa zuckte die Schultern.

„Nun ja, SIE eben. Die grauen Herrscher. Ihr eigener Name ist für uns ziemlich unaussprechlich. Übersetzt heißt es ungefähr: Die große Rasse. Dabei sind sie körperlich ziemlich klein. Eine durchaus übliche Selbstüberhöhung in dieser Galaxis.“

Louisa lauschte erstaunt dieser so beiläufig vorgetragenen Bemerkung, die weitere ihrer Weltbilder zusammenstürzen ließ. Für einen Moment wurde sie ganz steif, als sie dachte: „Oh Gott, worauf habe ich mich hier eingelassen?“ Aber das Echo in ihr blieb merkwürdig gering.

- Und das ist bestimmt erst der Anfang! bemerkte Lisa und sie klang weit weg. Lou antwortete nicht, aber sie fühlte einen Kloß in ihrer Kehle aufsteigen.

Marisa machte eine Handbewegung nach oben und im nächsten Augenblick öffnete sich über ihnen ein kreisrundes Loch.

„Habt keine Angst, es ist nur ein energetisches Transportfeld!“, erklärte sie. Als Louisa sich noch fragte, was sie damit meinen könnte, wurde ihr plötzlich ganz leicht. Erst versuchte sie zu strampeln, dann beherrschte sie sich und erlebte mit Erstaunen, wie sie zu dieser Öffnung im Schiffsrumpf emporschwebten. Karen hatte sich offenbar auch gefasst und lächelte etwas verkrampft zu ihr herüber.

Kurz bevor sie oben in die gähnende Öffnung eintauchten, wurde Louisa bewusst, dass genau auf diese Art Robert entführt worden war, und im nächsten Moment brach tiefe Dunkelheit über sie herein. Doch der Anflug von Panik währte nur kurz. Es wurde sofort wieder hell und das Transportfeld setzte sie sanft neben dem Loch ab.

Vorsichtig schaute sie sich um.

Um sie herum gab es viel Platz. Es sah so aus, als hätte man den gesamten unteren Bereich des Raumschiffes als Lade- oder Abstellbereich geplant. Jetzt standen nur ein paar halbhohe Blöcke herum, manche übereinander, zwei geöffnet, sodass ihr Zweck als Container erkennbar wurde.

„Ersatzteile“, kommentierte Marisa ihren Blick. „Alles Mögliche, was so ersetzt werden muss, aber leider ist keine Torsionsröhre dabei. Damit fällt dieses Schiff für längere Zeit aus.“

Sie sagte es mit einer Gleichgültigkeit, die für Karen und Louisa angesichts dieser unglaublichen Szenerie befremdlich schien. Es war aber ein Tonfall, wie man ihn durchaus auch auf der Erde hören konnte, beispielsweise in einer größeren Autowerkstatt, wenn sich der Kunde außerhalb der Hörweite befand.

„Wir müssen in die Zentrale“, stellte Marisa fest und deutete auf eine Säule, die zwei Schritte weiter den Boden mit der Hallendecke verband. Sie trat näher heran und machte eine Handbewegung, worauf eine Tür in dieser Säule zur Seite glitt und einen leeren, runden Raum freigab.

„Einfach hineingehen. Das ist wieder so ein Transportfeld, wie ihr es eben erlebt habt!“

Louisa fühlte sich sehr mutig, als sie einen Schritt in die Liftöffnung machte. Wieder wurde sie von der aufstrebenden Kraft erfasst und sah glatte Metallwände mit gelegentlichen, fugenartigen Unterbrechungen an sich vorbeisausen.

Sie wurden von dem Lift in einem weiteren runden Raum abgesetzt, der erstaunlich kahl für Louisas Vorstellung von einer Zentrale eingerichtet war.

„Nun, was stellt ihr euch vor? Die Großen sind nicht für Gemütlichkeit bekannt. Hier ist alles, was man zur Steuerung des Schiffes benötigt.“

Louisa betrachtete mit leichtem Schaudern die wenigen Dinge, die sich im Raum befanden. Drei schalenförmige Sitze verteilten sich vor einem nicht sehr tiefen, abgerundeten Pult. Darüber hatte man ringsherum riesige Flächen angeordnet, die man durchaus für Bildschirme halten konnte.

„Richtig!“, kommentierte Marisa. Sie machte eine merkwürdige Bewegung mit der Hand in der Luft. Im nächsten Augenblick erwachten die Flächen zum Leben. Kristallklar bildete sich die Umgebung ab. Alle Richtungen waren vollständig einsehbar. Das Bild sah erstaunlich plastisch aus. Da das Schiff etwas größer als die meisten auf diesem Landefeld war, hatte man einen guten Überblick.

„Ihr findet das sehr konservativ?“, fragte die Wartungsbeauftragte. Louisa blickte sie erstaunt an, sah dann aber, dass Karen nickte.

„Ja, ich habe immer gedacht, in der Zukunft hat man dreidimensonale Projektionen, die man von allen Seiten betrachten kann. Aber das hier sind irgendwie ganz normale Bildschirme, wie wir sie auch kennen.“

Sie grinste etwas schief, zuckte die Schultern und fügte hinzu: „Naja, sieht doch auch nur aus wie bessere Fernseher, oder?“

„In dieser Funktion schon“, lächelte Marisa. „Aber wenn man will, hat man noch ganz andere Möglichkeiten.

Wieder machte sie ein paar Bewegungen in die Luft. Sofort passierte etwas, das Louisa den Atem anhalten ließ. Das Bild trat aus dem Schirm heraus. Erst schien sich die Oberfläche aufzuwölben, aber dann schob sich die gesamte abgebildete Umgebung heraus in den Raum vor ihnen, bis sie kurz vor den Sitzen halt machte.

„Bitte. So könnt ihr auch ein wenig hinter die Dinge schauen.“

Louisa trat neugierig näher. Tatsächlich hatte man den Eindruck, dass die Raumschiffe der Umgebung in verkleinerter Form plastisch im Kommandoraum standen.

Karen und Louisa versuchten, die Rückseite des am nächsten stehenden Schiffes zu sehen und meinten, dass sie tatsächlich etwas Derartiges erkennen konnten. Dabei stützten sie sich auf das Pult auf, das unter den Schirmen hervorstand. Zu ihrem Befremden bemerkten sie die Abwesenheit von Kontrollvorrichtungen.

„Aber wie steuert man so ein Raumschiff?“, formulierte es Karen. „Es gibt keine Schalter, Hebel oder … wie nennt man das bei einem Flugzeug?“

„Schaltknüppel?“, versuchte sich Louisa.

Marisa schüttelte den Kopf.

„Du darfst diese Technik nicht mit dem vergleichen, was ihr gewohnt seid. Ein Gerät dieser Art kann man nicht mit den Händen über Schalter und Hebel steuern. Eure Flugzeuge haben auch jetzt schon einen großen Anteil an elektronischen Steuerhilfen. Stellt euch einfach vor, dass das Schiff autark ist, es weiß, was zu tun ist, um alle Vorgänge so zu kontrollieren, sodass eine bestimmte Funktion zustande kommt. Zum Beispiel fliegen. Man muss ihm nur sagen, was es tun soll. Und für die einzelnen Funktionen gibt es an entsprechenden Stellen spezielle Steuereinheiten, kleine Quantengehirne, wenn ihr so wollt.“

Louisa betrachtete die Sitze und befand, dass sie selbst wohl nicht hineinpassen würde.

„Sie sind wirklich nicht groß!“, bestätigte Marisa.

„Und was ist das hier?“, fragte Karen und deutete auf einige Mulden in Fingergröße, die nebeneinander angeordnet waren und merkwürdige Beschriftungen trugen.

„Kontaktpaneele! Der direkteste Weg, mit dem Schiff Verbindung aufzunehmen, geschieht über die Nervenströme. Aber jetzt entschuldigt mich bitte. Ich muss Tultu Sho informieren.“

Sie machte wieder ein paar Bewegungen in der Luft und legte dann ihre rechte Hand auf eine Stelle des Pultes, die den Kontaktpaneelen der Sitze ähnelte. Einer der Schirme änderte den Inhalt. Zu sehen war ein komplexes Muster von Linien und Farbflächen, die für Karen und Louisa nicht die geringste Aussagekraft hatten.

„Es ist eine Zustandsbeschreibung einer Funktionsregion in diesem Schiff. Wir benutzen diese Informationen als Träger für unsere persönlichen Unterhaltungen. Das ist völlig abhörsicher, weil jemand, der das nicht weiß oder nicht dechiffrieren kann, nur diese Bauplan-Anmerkungen bekommt. Und nur sie werden abgespeichert.“

Mitten in dem Diagramm war inzwischen das Gesicht eines Mannes aufgetaucht. Es erschien sehr schmal, hatte eine ungewöhnlich hohe Stirn und einen Kranz von dichten, sehr kurzen schwarzen Haaren. Die ebenfalls schwarzen Augen über der spitzen Nase sahen aus wie zwei Löcher, die bis tief in den Kopf hinein reichten. Es war unzweifelhaft ein Mensch, den sie sahen, aber Louisa hätte nicht sagen können, welcher Volksgruppe er angehören mochte. Denn niemand auf der Erde besaß eine Haut mit leicht bläulichem Schimmer. Jedenfalls keine, von der Louisa wusste.

„Marisa! Wenn du anrufst, gibt es Ärger!“, sagte er etwas grimmig, nachdem er anscheinend einen Rundblick auf die Versammlung geworfen hatte. „Wen hast du dort? Neue? Woher kommen sie?“

„Sie sind hochgeschwemmt worden!“

Der Fremde richtete den Blick seiner bodenlosen Augen auf Karen und Luoisa. Dann sagte er langsam:

„Von wem?“

Marisa hob ihm die leeren Handflächen entgegen.

„Allein, soweit ich es begreife.“

Tultus Blick wurde noch stechender. Louisa kroch ein feiner Faden von Kälte den Rücken hinunter. Aber sie hatte keine Angst. Sie fühlte nur ein ungeheures Kribbeln, wenn er sprach.

„Allein? Das wird der Hochkommissarin nicht gefallen. Das führt neue Beschränkungen ein.“

Marisa lächelte bedauernd.

„Du kannst sie selbst fragen. Ich habe noch keine Tiefenanalyse gemacht. Man muss die Kringels nicht gleich zu Anfang verängstigen. Sie waren selbst erschrocken über ihre Ankunft und strahlten wie zehn defekte Nimo-Transmitter!“

Ein Schatten lief über das Gesicht des Mannes. Er fixierte Louisa und sagte: „Ich grüße euch! Wie kommt ihr hierher?“

Louisa zuckte die Schultern.

„Das wissen wir nicht, wir waren eigentlich auf der Erde“, sagte sie beinahe wahrheitsgemäß. Seine Augen waren wie finstere Kanäle, in die man hineingesaugt werden konnte. Sie griff instinktiv nach Karens Arm, um sich festzuhalten.

„Ihr habt mit dem Schwingungstransport experimentiert!“ Es klang wie ein Vorwurf.

„Wir haben eine Methode angewendet, die ich bei meinem Vater gefunden habe. Er nannte es Fernwahrnehmung.“ Louisa hatte die Absicht fallen gelassen, ihr Tun zu verleugnen. Sie sah ein, dass es nichts genützt hätte.

„Das ist die Vorstufe“, erklärte Tultu etwas barsch. „Ihr habt den Einstieg geübt und seid schnell vorangekommen.“ Er schwieg kurz, dann verzog sich sein Gesicht zu einem plötzlichen Lächeln.

„Nicht schlecht! Und was wolltet ihr? Was sucht ihr hier?“

 

Louisa schaute ihn fasziniert an. Sein Gesicht schien ihr wie eine Landkarte der Unergründbarkeit. Noch nie war ihr eine Mimik so sehr unter die Haut gegangen. Sie sah kurz zu Karen hinüber, der es offensichtlich ähnlich erging.

„Robert“, sagte Louisa einfach.

Tultu schwieg.

„Hm“, machte er dann.

„Er wurde entführt!“, setzte Louisa hinzu. „Von einem UFO. Einer pechschwarzen Untertasse.“

Tultu runzelte die Stirn. Dann wandte er sich an Marisa.

„Möchtest du den Fall dokumentieren? Ist er gut belegt, hochgestufte Zeugen, ein schöner Vorgang als Abschluss der neuen Vorlage an den Rat?“

Marisa nickte.

„Ja, sieht so aus.“

„Dann musst du sie herbringen!“

„Hier wären sie besser aufgehoben.“

Tultu Sho schüttelte leicht den Kopf.

„Sie brauchen dein Schiff. Sie haben etwas vor. Eine außerplanmäßige Einheit ist unterwegs, mit Röhren, die garantiert in Ordnung sind!“

„Oh.“ Marisa versteifte sich für einen Moment. Louisa sah, wie sie leicht die Fäuste ballte. Dann atmete sie tief und richtete sich auf.

„Gut. Welchen Weg soll ich nehmen? Ich kann ein Kompensationsfeld um uns errichten, so wie jetzt, aber ich kann sie nicht physikalisch verstecken.“

„Gib ihnen eine Montur aus deinem Schrank. Sie haben ungefähr die gleiche Größe wie du. Und dann geht ihr einfach. Nehmt einen Schweber für die Tunnel. Ich lasse dir eine Anforderung zukommen, damit du nicht mit den Plänen kollidierst und auffällst. Wir brauchen Sicherheit auch für den kleinsten Einsatz.“

„Ich versuche es.“ Marisa nickte, aber man sah ihr an, dass ihr sehr unbehaglich war.

„Viel Glück. Und liefere die Kringels heil und sicher ab!“

„Ich versuchs.“

Marisa seufzte und verschob ihre Finger ein wenig auf dem Feld der Griffmulden. Das Bild Tultus erlosch und gleich danach die technische Darstellung. Sie drehte sich zu Karen und Louisa.

„Er hat Recht. Aber es wird nicht einfach. Wir werden einige Stunden unterwegs sein.“

„Was sind Kringels?“, fragte Karen.

„Ah.“ Marisa schmunzelte leicht. „Das ist unser Name für euch Bewohner dieses Planeten, auf dessen Mond wir uns befinden. Er ist der dritte Planet in diesem System, von der Sonne aus gesehen.“

„Ja und?“

„Ein, zwei, drei. Borg, veng, kring… in unserer Sprache. In der offiziellen Bezeichnung würde noch die astronomische Nummer der Sonne hinzukommen. Einen Namen hat sie bei uns nicht, dazu gibt es zu viele in der Galaxis.“

„Ach so.“ Karen klang eher enttäuscht als befriedigt aufgeklärt. „Die Drittbewohner einer namenlosen Sonne.“

„Ja.“ Marisa hob die Schultern. „Was denkt ihr denn? Die Galaxis ist groß und die Zahl der bewohnten Planeten geht in die Millionen.“

Nach einem Moment des betretenen Schweigens fügte sie hinzu: „So, nun muss ich euch noch neu einkleiden. Kommt bitte mit.“

Sie ging voraus und die beiden Erdbewohnerinnen folgten ihr. Durch mehrere Gänge und kleinere Lifts erreichten sie eine Kabine, die sich tief im Bauch des Schiffes befinden musste. Marisa öffnete eine Art Wandschrank, in dem neben anderen Kleidungs- und Ausrüstungsteilen auch einige Overalls lagen, wie Marisa einen trug. Es war irritierend, wie der Stoff schimmerte, als sie zwei der Anzüge herausnahm.

„Hier probiert mal“, sagte sie und warf Karen und Louisa je einen zu. Neugierig betasteten sie den Stoff. Er war weich und schmiegsam, machte aber den Eindruck, als würde man ein sehr kräftiges Werkzeug benötigen, um es zu zerstören.

„Ich glaube, ich sollte euch eine Kurzeinführung geben, damit ihr versteht, in was ihr hier hereingeraten seid. Immerhin müssen wir auf eure Mitarbeit rechnen.“

Während sich die beiden sich umzogen, fuhr sie fort:

„Tultu Sho ist offizieller Vertreter des Galaktischen Gerichtshofes hier. Er versucht, Material für ein Verfahren gegen die Großen zusammenzustellen. Es läuft eine Untersuchung des galaktischen Rates. Überschreitung der Gesetze zur Behandlung unterentwickelter Planeten. Aber SIE sind schlau. Die Untersuchung läuft schon sehr lange, mehr als fünfzig Jahre eurer Zeit. Also Erdjahre.“

Sie unterbrach sich, um Louisa zu zeigen, wie man die Ärmel des Overalls öffnete.

„Wir hoffen, bald genug Beweise gesammelt zu haben, um sie vor einem zentralen Gerichtshof anzuklagen. Auch wenn euer Planet namenlos ist, sind doch die Vorgänge nicht unbedeutend. Die Abteilung für individuelles Lebensrecht hat sogar eine Hochkommissarin eingesetzt. Ihr bin ich direkt unterstellt!“, verkündete Marisa sachlich, aber mit einem Anflug von Stolz.

„Allerdings ist nur Tultu mit seinem Stab offiziell hier. Mich und einige andere hat man eingeschleust, um ihn zu unterstützen. Ohne dass die Großen davon wissen. Denn offiziell ist ihnen nichts nachzuweisen, weil wir auch keine allgemeine Durchsuchung erzwingen können, wenn es nicht genug Ankläger gibt. Ihr wäret ein gutes Beispiel, wenn wir …“

Sie brach ab und half Louisa und Karen, ihre Monturen wieder zu schließen. Sie passten nicht perfekt, waren jedoch so dehnbar, dass es nicht auffiel.

Louisa blickte sie an.

„Ich verstehe. Wenn wir Robert finden und befreien können, haben wir solch einen Beweis.“

Marisa nickte.

„Richtig. Es ist nicht so, dass wir sonst noch keine Beispiele haben. Aber für eine Anklage in dieser Größenordnung benötigen wir viele Fälle. Ihr seht ja, wie es bei euch auf der Erde geht. Es gibt einen großen Unterschied zwischen individueller Gewaltanwendung und Völkermord. Wir haben den begründeten Verdacht, dass sie Angehörige fremder Rassen entführen und klonen und für sehr zweifelhafte Arbeiten einsetzen. In diesem Fall sind es eben Kringels ... Erdbewohner“, verbesserte sie sich eilig.