Kolumne

02.05.2020 - Samstag

Der doppelt gespaltene Virus

Es bleibt weiter intellektuell. Heute geht es um Spaltung. Es geht um die Frage wie man einen Virus spalten kann oder besser gesagt, wie kann ein Virus spalten?

Vorweg, es funktioniert, sogar ganz gut.

Kennen Sie das Doppelspaltexperiment? Ich beschreibe es hier doch noch mal ganz kurz. Wie wir ja bereits wissen, sagen so um die 99,9% aller Befragten immer „Ja“.

Stellen Sie sich also folgende Versuchsanordnung vor:

Eine Platte mit zwei sehr, sehr, sehr, sehr dünnen Spalten. Vor dieser Platte ist ein Gerät aufgestellt, das Elektronen, als Teilchen, in Richtung dieser Platte mit den zwei Spalten „schießt“. Hinter dieser Platte mit den zwei Spalten ist eine Art Bildschirm, bei dem das Muster der Elektronen, die durch die Spalten der Platte geschossen werden abgebildet bzw. dargestellt wird.

Es gibt auch noch einen Beobachter, der im ersten Teil des Experiments, den Weg der Elektronen durch die Spalten der Platte verfolgt, bis hin zum Bildschirm.

Der Beobachter stellt fest, dass zwei Balken auf den Bildschirm dargestellt werden. Dies ist ja auch soweit nachvollziehbar.

Dem Beobachter wird dann etwas langweilig, immer auf so eine Platte starren und schauen; wie die Elektronen durch den einen oder andern Spalt durchsausen ist ja auch nicht aufregend. Da das Experiment noch eine Weile laufen soll, geht unser Beobachter in die Mensa und kauft sich einen Kaffee und plaudert mit Menschen, die er dort trifft.

HINWEIS: Dieses Experiment wurde noch VOR der Corona-Krise durchgeführt. Die älteren unter uns werden sich noch erinnern. Restaurants, Mensen, Kneipen und sonstige Virenschleudern hatten noch geöffnet, Mundschutz war noch nicht Pflicht und Sicherheitsabstände von mehreren Metern zwischen den Menschen ebenfalls nicht. Also in der Zeit als noch das absolute Chaos herrschte und jeder jeden Augenblick gefährdet war sein Leben zu verlieren, was mir dann auch täglich auch mehrmals passierte und sehr lästig und nervig war.

Nach einer Weile kehrt unser Beobachter zu seiner Versuchsanordnung zurück und wirft erst einmal eine Blick auf den Bildschirm, um zu sehen wie die beiden Balken jetzt aussehen. Was er sieht erstaunt ihn so sehr, dass sicher erst einmal setzen muss.

Die beiden Balken auf dem Bildschirm sind verschwunden. Stattdessen erkennt er ein Bild mit mehreren „Balken“, die in der Mitte breiter sind und zu den beiden Seiten des Bildschirms schmaler werden. Die Ränder der Balken sind sehr unscharf und verlaufen zu „dunklen“ Balken. Die Kontraste zwischen dunkel und hell sind sehr stark und sehen fast wie Wellen aus.

Das will unser Beobachter nicht wahrhaben und schaut sich noch einmal den genauen Weg der Elektronen durch die beiden Spalten an und wischt sich den Schweiß von der Stirn. Alles in Ordnung. Zwei schöne helle dicke Ballen sind auf dem Bildschirm zu sehen … war wohl nur eine optische Täuschung denkt sich der Beobachter und vertieft sich in seine wissenschaftliche Literatur zur Quantenphysik. Nach einiger Zeit blickt er auf und schaut auf den Bildschirm. Er traut seine Augen nicht, wieder dieses wabbelige Bild mit den hellen und dunklen Verläufen. Jetzt reicht es ihm und er geht nach Hause. Wird wohl an Corona liegen.

Wie wir aus diesem Experiment erkennen könne ist der Beobachter Teil des Experiments. Seine Perspektive der Beobachtung hat Einfluss auf das Ergebnis des Experiments.

Beobachtet der Beobachter den Weg der Elektronen durch die beiden Spalten, sieht er auf dem Bildschirm ein anderes Ergebnis als wenn er nur auf den Bildschirm schaut. Die Erklärung dazu möchte ich hier nicht bringen, nur den Hinweis es gibt sie und aus beiden Perspektiven hat unser Beobachter richtig beobachtet.

Was hat das jetzt mir der Corona-Krise zu tun?

Auch hier gibt es zwei Perspektiven.

Die erste Perspektive ist die des Virologen, er sieht die Eigenschaften des einzelnen Virus im Reagenzglas (Vergleich Elektron) und welche Wirkung es in der Bevölkerung haben kann (Bild der beiden Balken auf dem Bildschirm) und daraus zieht unser Virologe seine Schlüsse und leitet Anforderungen ab, die dann durch die Politiker in Maßnahmen umgesetzt werden.

Die zweite Perspektive ist die Perspektive der Epidemiologien, medizinischen Statistiker und aller anderen Ärzte, die mit dem Corona-Virus und der zugehörigen Krankheit in der Bevölkerung zu tun haben, ohne in das Reagenzglas des Virologen geschaut zu haben (Vergleich wabbeliges Bild mit Verläufen von hellen zu dunklen Balken und mehr Balken als Spalten).

Auch hier leiten die Fachleute und Ärzte Anforderungen ab und stellen Maßnahmen vor, die jedoch nicht zu den Ansichten der Virologen passen.

Würde man die beiden Beobachtungen aufeinanderlegen, könnte man erkennen, dass sich der Virus anscheinend irgendwie immer anders verhält und weder das eine noch das andere Ergebnis falsch ist, es hat sich nur die Beobachterperspektive geändert.

Vielleicht würde man sogar bemerken, dass sich die Maßnahmen, abgeleitet aus den jeweiligen Perspektiven, ergänzen.

Gut wäre es, wenn sich Vertreter beider Beobachter/Perspektiven (Virologen und Epidemiologien, medizinischen Statistiker und aller anderen Ärzte) an einen Tisch setzen würden und ihre Erkenntnisse diskutierten und es wäre nicht nur gut, es würde auch der wissenschaftlichen Vorgehensweise entsprechen.

RR