Kolumne

 

Schluss mit der Wissenschaft!

Wo leben wir eigentlich? Im 21. Jahrhundert? Quatsch. Wir sind gerade auf dem Weg ins Mittelalter, jedenfalls wenn man die Machart der „öffentlichen Meinung“ untersucht.
Tom Perrottas Roman „Die Verlassenen“ kommt nun als Fernsehserie zu uns. Worum geht es darin?
Jeden Tag verschwinden auf der Welt Leute auf unerklärliche Weise. Es gibt kein nachweisbares Verbrechen. Eben saßen sie noch auf der Couch, beim nächsten Mal hinsehen sind sie weg. Das ist keine Fantasy.

Was macht die Serie daraus?

„Doch das ist das eigentliche Wunder dieses Romans: Was seine größte Schwäche hätte sein können, ist tatsächlich seine größte Stärke. Denn genauso wie die Zurückgebliebenen lernen müssen, das Unerklärliche als solches hinzunehmen, geht es auch dem Leser. Und dann, nach zwei Kapiteln oder auch drei, vergisst man sich wirklich zu fragen, wohin Jen und die anderen gegangen sind, und beginnt sich stattdessen zu fragen, ob die Witwe Nora wirklich schon wieder bereit ist, auf diese Tanzveranstaltung zu gehen, … Das klingt zuerst nach einem großen Ärgernis, einem nicht-eingelösten Versprechen, denn natürlich möchte man wissen, was nun eigentlich passiert ist. Ebenso dringend wollen es die Zurückgebliebenen wissen, weswegen sie sich seltsamen Sekten anschließen und noch seltsamere Theorien entwickeln.Das Verschwinden all dieser Menschen ist tatsächlich so unbegreiflich und plötzlich und unerklärlich wie sich jeder Todesfall für die Hinterbliebenen immer anfühlen wird.“

(Zitat: http://www.spiegel.de/kultur/literatur/the-leftovers-romanvorlage-die-verlassenen-von-tom-perrotta-a-998428.html)

Aha, denke ich, da hätte man doch jede x-beliebige Ursache nehmen können, Unfälle, Kriegsgeschehen, junge Leute, die zum Dschijhad ausreißen oder Hundertjährige, die aus dem Fenster klettern. Wenn es wieder nur um die Bewältigung zwischenmenschlicher Beziehungen gehen soll, kann man doch jede Nachmittagssoap einschalten!
Dabei gäbe es aus heutiger Sicht der Wissenschaft durchaus mehr zu diesem Effekt zu sagen, als „einfach das Übernatürliche zu akzeptieren“! Hatte ich die moderne Zeit und ihre Verkünder nicht so verstanden, dass es nicht Übernatürliches gibt, dass man alles wissenschaftlich erklären könnte?

OK, hier ist so ein Fall. Der Effekt ist nachweisbar, na los! Erklärt es!

Aber genau das passiert nicht! Dinge, die man (noch) nicht erklären kann, existieren einfach nicht und für das Volk wird eine Unschärfetechnik angewendet: wir kümmern uns einfach nur um die Verbliebenen und ihre menschelnden Probleme.
Dabei hätte die moderne Quantenphysik durchaus etwas dazu zu sagen. Inzwischen hat man herausgefunden, wie brüchig unsere Realität ist. Das Universum und damit unsere Wahrnehmung existiert, weil die bestimmenden Naturkräfte fast immer funktionieren. Fast immer aber nicht immer. Minimale „Verrechnungen“ im Datentransport von einem Quantenmoment zum anderen wirken sich normalerweise nicht spürbar aus, aber manchmal ballen sich solche Fehler zusammen, sodass es wahrnehmbare Effekte gibt. Beispielsweise dass Dinge verschwinden oder sogar Personen. Das wäre eine sehr praktische Anwendung der hochsubventionierten Forschungen.
Das Faszinierende ist, dass trotz dieser wissenschaftlichen Ansprüche und Erkenntnisse die Beschäftigung mit dem Thema als „Übernatürliches“ deklariert wird, das man eben nicht wissen kann und so hinnehmen muss. Und dass Leben geht weiter. Man geht dann eben zur Weihnachtsfeier oder Tanzen. Kein Aufschrei aus der Wissenschaftsredaktion?
Nicht mal beim materialistischen Spiegel-Magazin! Nein, man muss ja an die Abonnenten denken. Die will man nicht aufscheuchen und vielleicht sogar mit dem unangenehmen Gedanken belästigen, dass unsere Realität, in der sie eifrig materielle Werte angeschafft haben, Häusle gebaut und fleißig die Sportereignisse verfolgt haben, in hohem Maße brüchig ist.
Wenn uns der Sieg des Kapitalismus spürbar irgendwohin geführt hat, dann in ein geistiges Verständnis der Welt, die sich wieder dem Glauben, dem Hinnehmen des Schicksal, der Gottergebenheit widmet. Wozu brauchen wir dann die Wissenschaft? Doch nur noch zur Erfindung von neuen Geräten, Handys, Autos, Küchenmaschinen, die kein User mehr in ihrer Funktion versteht und die man wegwirft, wenn irgend etwas nicht mehr optimal funktioniert.
Vor ein paar Jahren habe ich festgestellt, dass meine umfangreiche Science Fiction-Sammlung inhaltlich von der Realität eingeholt wurde. Nun gibt es einen völlig neuen Science Fiction (oder Fantasy?)-Aspekt. Viele Romanen der 30er- bis 60er Jahre des 20. Jahrhunderts beginnen mit einem unerklärlichen Vorfall. Das Besondere aus heutiger Sicht ist, dass er bemerkt wird, zum Ursprung verfolgt wird und dass sowohl Privatleute wie auch Wissenschaftler und letztlich sogar staatliche Institutionen sich darum kümmern.

DAS ist die heutige Science Fiction! So würde es garantiert nicht passieren. Die Beobachter des Phänomens würden für Spinner erklärt werden und man würde die Angehörigen befragen, wie sie es mit solchen Geisteskranken aushalten! Oder mit Leuten, die Remote Viewing betreiben, auch so ein übernatürlicher Quatsch!
Dabei hätte es die Wissenschaft in der Hand. Die neuen Theorien über Superstrings, Branen und das Bulk, in dem man Gravitation als ringförmige Pulsierungen definiert, die überall wirken können, bieten gute Ansatzmöglichkeiten. Noch besser wären die Berechnungen eines Burkhard Heim, der sogar erklären kann, wieso es so etwas wie eine „freie Seelenenergie“ geben muss!
Aber wirkliche Hintergründe mit Physik und Mathematik sind anscheinend nicht mehr gefragt, obwohl man ständig das Gegenteil behauptet. Viel zu kompliziert!
Betrachten wir lieber unsere möglichst ungewaschenen Bauchnabel! Das ist das 21. Jahrhundert, in dem, wie man vor fünfzig Jahren noch annahm, die Welt wissenschaftlich erklärt werden würde!